Kultur : Würth-Preis: Wer fühlen will, höre!

Frederik Hanssen

Christine Bergmann zwischen A und O: Flankiert von Claudio Abbado und Franz Xaver Ohnesorg, dem neuen Intendanten der Berliner Philharmoiker, lauscht die Bundesfamilienministerin am Sonntag den jungen Musikern der Philharmoiker-Orchesterakademie im Südfoyer des Konzertsaals. Sie spielen Mozarts "Gran Partita"-Serenade zu Ehren des Maestro, ihres Mentors. Claudio Abbado bekommt den Würth-Preis der Jeuesses Musicales Deutschland verliehen, und Christine Bergmann ist stolz, die Laudatio halten zu dürfen. Vor 12 Jahren hat sie Abbado zum ersten Mal erlebt, im Spätherbst 1989, als er für die Ostberliner Mahler in der Philharmonie dirigierte. Den mit 10 000 Mark dotierten Preis des Schraubenfabrikanten und millionenschweren Mäzens Reinhold Würth aber erhält Abbado an diesem regnerischen Morgen nicht für sein Engagement bei der Zusammenführung des geteilten Berliner Musiklebens, sondern für seine lebeslangen Aktivitäten auf dem Gebiet der Nachwuchsarbeit.

Wenn Christine Bergmann die Jugendförderung als eine "Herzensangelegenheit" Abbados bezeichnet, ist das keineswegs übertrieben. Stets ging es ihm darum, jungen Menschen seine Liebe zur Musik weiterzugeben. Als Chef der Mailänder Scala sorgte er dafür, dass nicht nur die Society, sondern auch Schüler und Arbeiter Zugang zu dem Opernhaus erhielten. 1977 gründete er das European Community Youth Orchestra, 1986 setzte er gegen alle politischen Hindernisse durch, dass im Gustav Mahler Jugendorchester Instrumentalisten aus Ost und West zusammen musizieren konnten. Beide Orchester betreut er als Dirigent und er ermutigte die aus dem Jugendorchester-Alter herausgewachsenen Musiker, mit dem Chamber Orchestra of Europe und dem Mahler Chamber Orchestra eigene Profi-Ensembles in freier Trägerschaft zu bilden. Abbado bei einer Probe beispielsweise mit dem Mahler Chamber Orchestra beobachten zu dürfen, beglückt - denn man spürt, dass die Liebe auf Gegenseitigkeit beruht.

Auch an diesem Sonntagmorgen ist es eine Freude, zu sehen, wie entspannt Claudio Abbado lächelt. Die schwere Krankheit hat das Asketische seines Typs deutlich hervorgehoben - doch die Augen blitzen wieder wie früher, wenn er ans Mikrofon tritt, um zu verkünden, dass er den Preis nur unter der Bedingung akzeptiert habe, das Geld an einen jungen Musiker weitergeben zu dürfen, an den deutschrussischen Geiger Andreas Neufeld nämlich, der seit kurzem den Philharmonikern angehört, und der - weil er von seinem Glück noch nichts weiß - bei dem Festakt fehlt. "Ich finde, alle Künstler-Opas, die Auszeichungen erhalten, sollten sich angewöhnen, die Preisgelder an Nachwuchskünstler weiterzugeben", erklärt er unter dem Applaus der vielen Gäste. Mehr will er dann auch nicht sagen: "Sie wissen ja, dass ich lieber Musik höre als zu sprechen."

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