Kultur : Wunden gibt es immer wieder

Einen Jux will er sich machen: Barrie Koskys „Figaro“ an der Komischen Oper Berlin

Frederik Hanssen

Die Zeiten, als an Walter Felsensteins Komischer Oper Neuinszenierungen monatelang geprobt wurden, sind lange vorbei. Heute bekommt hier jeder Regisseur die republikweit üblichen sechs Wochen bis zur Premiere. Zum Glück, sonst hätte Barrie Kosky das Publikum am Sonntag wohl in die kollektive Ohnmacht gewitzelt. Im Sommer 2003 brachte der Australier an der Komischen Oper in Ligetis „Grand Macabre“ sämtliche Körpersäfte zum Kochen. Nun brennt der spielwütige 37-Jährige aus Down Under bei „Figaros Hochzeit“ wieder ein Feuerwerk der genialen Gags, wohlfeilen Pointen und abgedrehten Kalauer ab, so dass mancher nach den ersten beiden Akten wie betäubt ins Foyer taumelt.

Nach der Pause aber ist die heiße Luft raus, und die Show pendelt sich auf dem Lachlevel einer guten Screwball Comedy ein. Dabei wird klar, was vorher nur zu erahnen war: Kosky hat den Kern von Da Pontes Libretto genau erfasst und schafft es darum, die amourösen Eskapaden des Grafen Almaviva ohne Reibungsverluste in die Gegenwart zu transportieren. Die Story funktioniert nämlich nur, wenn der Regisseur zeigt, dass die Figuren auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Stufen stehen. Ob hier der alte Adel gegen die revolutionsbereiten Knechte antritt (Uraufführung 1784!) oder einfach Ober- gegen Unterschicht, ist dann nur eine Frage der Optik. Die Kostümbildnerinnen Marianne Häntzsche und Birgit Wünschmann greifen zu einem einfachen Trick: Der Graf tritt zwar Zähne putzend im Bademantel auf, aber er trägt ein weinrotes, knöchellanges Modell, das ihn sofort als Großbürger kenntlich macht. Figaros Arbeitskleidung dagegen ist der billige graue Anzug des kleinen Angestellten. Und doch: Ob arm, ob reich, Männlein wie Weiblein – jeder denkt hier nur an Sex. Ein Opernabend wie ein Dietl-Film: Figaro oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief.

Mit dieser umjubelten Premiere ist die Komische Oper einen weiteren Schritt auf ihrem Konsolidierungskurs vorangekommen. Koskys „Figaro“-Spaß dürfte nicht nur regelmäßig für ein ausverkauftes Haus sorgen, mit dieser Produktion kristallisiert sich auch weiter heraus, dass der Mozart-Zyklus zum Alleinstellungsmerkmal des Hauses wird. Die Konkurrenz hat allerdings auch erschreckend wenig zu bieten: Sicher, da ist Doris Dörries komödiantische „Cosi“ an der Staatsoper – daneben aber stehen ein indiskutabler „Giovanni“ und ein verzopfter „Figaro“ von Thomas Langhoff, der nur erträglich ist, weil barmherzige Regieassistenten inzwischen ein paar harmlose Scherze eingebaut haben. Neuenfels’ umstrittener „Idomeneo“ wird an der Deutschen Oper derzeit nicht gespielt, dafür gibt’s Repertoireware – der Noelte-„Giovanni“ beispielsweise ist 32 Jahre alt.

An der Komischen Oper dagegen wird Mozart zum Zeitgenossen. Der inszenierende Intendant Andreas Homoki hält sich dabei bescheiden zurück und lädt sich lieber die besten, weil streitbarsten Kollegen ein: Nach dem Generationskonflikte auslösenden „Don Giovanni“ von Peter Konwitschny und der maßlos brutalen „Entführung“ des Calixto Bieito nun also ein fideler „Figaro“. So angenehm es für den Zuschauer ist, dass nicht ein einziger Regisseur den ganzen Zyklus verantwortet, so beruhigend ist es, zu wissen, dass Kirill Petrenko für den musikalischen Zusammenhalt des Ganzen garantiert. Während andere Berliner Generalmusikdirektoren Schlagzeilen machen, arbeitet Petrenko unermüdlich in der Dunkelheit des Orchestergrabens. Neben zwei Premieren (im Mai folgt noch „Eugen Onegin“) dirigiert er jede Menge Alltagsabende. Wer erleben konnte, wie er jüngst Kupfers angegraute „Traviata“ wieder zum Leuchten brachte, der weiß, was Berlin an dem russischen Maestro hat. Und wenn der Bundeswettbewerb Gesang sein Preisträgerkonzert in der Komischen Oper veranstaltet, steht selbstverständlich Petrenko den jungen Solisten mit helfender Dirigentenhand zur Seite.

Schade nur, dass nicht jeder den trennscharfen Orchesterklang zu hören bekommt, der Petrenkos Stärke ist. Wer in einem der gefürchteten akustischen Löcher sitzt, die sich überall im Parkett der Komischen Oper auftun, kann beispielsweise in der Mitte der siebten Reihe nur die Klarinetten hören, die heraus knallen, als würden sie von Lautsprechern hundertfach verstärkt. Dass Kosky bei den merkwürdigen Trillern im Hochzeitsmarsch an Klezmer-Musik denken musste, wird immerhin sofort nachvollziehbar: Auch szenisch geht die Idee mit der jüdischen Trauungsfeier tatsächlich auf, weil der Regisseur sehr genau auf die Musik hört, sich nie gegen die Partitur stellt. Die finalen Szenen, die sich trotz Hits wie der „Rosenarie“ sonst immer dehnen und ziehen, bekommen durch die Kippa tragende Festgesellschaft eine überraschende Lebendigkeit.

Auch Petrenkos Tempi, so viel lässt sich selbst aus der ungünstigen Hörposition erahnen, sind entspannt und federnd. Sie drängen vorwärts, ohne in jenes nähmaschinenhafte Abschnurren zu verfallen, das viele Dirigenten für unerlässlich halten, wenn musikalische Komik entstehen soll. Dank intensiver Vorarbeit des Stimmenscouts und Operndirektors Per Boje Hansen steht Petrenko ein ebenso flexibles Ensemble zur Verfügung, bei dem – wie in der Partitur – die Frauen den stärksten Eindruck hinterlassen. Maria Bengtssons Gräfin gebietet (optisch wie vokal) über die verführerische Schönheit der erfahrenen, aber immer noch jugendlichen Frau Mitte dreißig. Brigitte Geller kann sich eine extrem kesse Susanna erlauben, weil ihr Sopran über alle Zweifel erhaben ist. Stella Doufexis schließlich gibt einen apart anzuhörenden Cherubino, der im Laufe des „tollen Tags“ vom Dreadlock- Teenie immerhin zum Halbstarken reift.

Wie ernsthaft an der Komischen Oper auch so leichtgewichtige Abende wie dieser vorbereitet werden, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass stets eine neue Textfassung entsteht. Diesmal haben sich Bettina Bartz und Werner Hintze die Verse nochmal vorgenommen – mit Sinn für die Gefahren, die auf dem Schlachtfeld der Liebe lauern: „Wenn du erst bei der Armee bist“, schärft Figaro dem ledigen Gefreiten Cherubino ein, „wird sich zeigen, ob du zäh bist“.

Wieder am 30. Januar, 2., 11. und 19. Februar sowie im April und Mai.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben