Kultur : Wunderbarer Mandarin

KLASSIK I

Sybill Mahlke

Pierre Boulez dirigiert ein reines Bartók-Programm, und die Philharmonie ist drei Mal hintereinander ausverkauft. Der französische Komponist huldigt dem universellen Geist des ungarischen Komponisten, und das heißt, dass der Impressionismus aus der schicksalhaften Begegnung Béla Bartóks mit Debussy wie auch die unerbittliche Härte Strawinsky-naher Rhythmen zu einem Porträt von verblüffender Einheit zusammenfließen. Weit ist der Weg vom stillen Lied des ersten Violinkonzerts (1907/08), das von einer unerfüllten Liebe singt, zu dem Konzert für Viola aus dem Todesjahr 1945.

Ein zärtlicher Advokat Bartóks mit harfenbeglänztem Virtuosengold ist der Geiger Gidon Kremer , nicht minder interessant mit seinem klaren vollen Ton der Bratschist Yuri Bashmet . Bessere Solisten gibt es nicht. Die stilistische Begegnung des Weltabschieds mit dem Jugendwerk verweist auf das verwandte polyphone Liniengeflecht, zumal in diesen Interpretationen, weil die Berliner Philharmoniker ein Orchester sind, das seinerseits aus lauter Solisten besteht.

Unter der weisen Führung von Boulez entfalten die Musiker aus Präzision und Lieblichkeit auch die Tanzsuite, die ganz auf Themen der ungarischen Volksmusik basiert. Und die Pantomime „Der wunderbare Mandarin“ vibriert von Farben (das Klavier als Orchesterinstrument!). Mit kontrollierter Wildheit werden die vulkanischen Ausbrüche des Tongemäldes aufgetragen. Immer ohne Taktstock regiert Boulez über die unregelmäßigen Rhythmen der beiden Werke in ihrer unerhörten Komplexität. (Dem „wunderbaren Mandarin“ widmen Boulez und die Philharmoniker auch eine „Musik im Gespräch“ am 20. März um 16 Uhr in der Philharmonie. Moderation: Helge Grünewald.)

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