Kultur : Wunschwald

Bassenge versteigert ein Frühwerk Gerhard Richters.

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Eingeliefert. Gerhard Richters Ansicht vom Krupp-Hüttenwerk am Rhein. Foto: Bassende
Eingeliefert. Gerhard Richters Ansicht vom Krupp-Hüttenwerk am Rhein. Foto: Bassende

Über Jahre waren die Besitzer davon überzeugt, sie hätten ein schönes, etwas dunkles Bild von einem unbekannten Maler: Signiert hatte das Nachtstück mit dem Krupp-Hüttenwerk am Rhein ein gewisser Gerd Richter. Bis sie auf den Adresszusatz auf der Rückseite der Leinwand aufmerksam wurden und Nachforschungen anstellten. In der Düsseldorfer Hüttenstraße 71 hat zur Entstehungszeit, 1962, Gerhard Richter gewohnt. Die Signatur mit der Kurzform seines Vornamens war nicht unüblich, nur hat Richter den Großteil seines Frühwerks im Sommer desselben Jahres vernichtet.

„Rheinhausen“ steht mit einem Schätzpreis von 150 000 Euro nun an der Spitze der Auktionen bei Bassenge. Eine würdige Entdeckung zur 100. Jubiläumsauktion des vor 50 Jahren von Gerda Bassenge gegründeten Hauses. Das nimmt sich in diesem Herbst, in dem die Villa Grisebach auf die 200. Auktion zusteuert, fast bescheiden aus. Tatsächlich blickt Tilmann Bassenge, der 1967 in das Familienunternehmen einstieg, auf mittlerweile weit über 500 Buch- und Kunstauktionen zurück. Nur tickt die Jubiläums-Kabbalistik in der verwunschenen Villa im Grunewald unaufgeregter.

Wie überhaupt der Schwerpunkt traditionell auf dem ruhigen Metier der Druckgrafik und Zeichnung liegt, die sich dem raschen Blick verweigern und eher dem Connaisseur verpflichtet sind. Dieser Gepflogenheit verdankt sich ein weiterer Höhepunkt: die Sammlung des im April verstorbenen Theaterintendanten und Autors Ivan Nagel. Der vorzüglich edierte Katalog vereint 125 Los-Nummern mit Druckgrafik von Hendrick Goltzius oder Giovanni Battista Piranesi (zwischen 600 und 12 000 Euro) oder wertvolle Bücher wie die Prachtausgabe „Herkulaneum“ mit geschätzten 10 000 Euro. Für eine seltene und komplette Folge von Francisco de Goyas „Los Caprichos“ in der zweiten Auflage von 1855 werden 45 000 Euro erwartet. Der spanische Maler führt auch die Druckgrafik des 15. bis 19. Jahrhunderts an. Eine Erstauflage der „Desastres de la Guerra“ ist ebenfalls komplett und auf 80 000 Euro geschätzt. Daneben ragen ein Kupferstich des „Jüngsten Gerichts“ nach Hieronymus Bosch und Rembrandts „Sitzende Frau mit Füßen im Wasser“ mit jeweils 60 000 Euro heraus.

Abgesehen von Richters Haupt-Los und einem Aquarell von Emil Nolde (60 000 Euro) gibt die Druckgrafik auch bei der Modernen Kunst den Ton an. Gleichauf taxiert mit Nolde ist Jean Dubuffets schöne Lithografie-Serie „La Noctambule“. Michaela Nolte

Galerie Bassenge, Erdener Str. 5a; Vorbesichtung Alte Kunst: bis 27. 11. von 10–18 Uhr, 28. 11. von 10–14 Uhr; Moderne Kunst & Fotografie: Rankestr. 24; bis 29. 11. von 10–18 Uhr, 30. 11. von 10–16 Uhr.

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