Kultur : Wut und Zärtlichkeit

Zwischen Hindukusch und Alpen: Ute Mings erzählt die Geschichte ihres Pflegesohnes Said

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Es ist Krieg in dem fernen Land. Noch immer, schon wieder. Ein Teil der Sippe harrt zwischen den Kämpfen aus, doch viele aus der afghanischen Familie Qadari sind als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Auch Ashraf Qadari aus Kabul und seine junge indische Frau Isabel. In Deutschland, in Bayern, wird ihr Sohn Said geboren. Als das Kind drei Jahre alt ist, erleidet der Vater einen Unfall und liegt seitdem im Wachkoma. Die indische Mutter verlässt die Familie, Said wird bei afghanischen Tanten und Onkeln untergebracht. Bis er mit sieben Jahren von deutschen Pflegeeltern aufgenommen wird. Und so ein Clash der Kulturen beginnt, die innere Zerrissenheit des Kindes, der Kampf der neuen, nicht leiblichen Eltern um Saids und ihr eigenes – ja: Glück.

Ein Drama, geboren aus einer Tragödie, aber über viele spannungsvolle Akte der Traumatisierung und Heilung und durch die Abgründe von rebellischer Pubertät und elterlicher Verzweiflung auch in die Höhen des mal komischen, irrwitzigen, wunderbaren Gelingens geführt. Daraus ist ein Buch voller Wunden und Wunder, voll Empfindungskraft und Beobachtungsschärfe entstanden. „Said – Unser Kind von fremden Eltern“ ist die Geschichte der Münchner Kulturjournalistin Ute Mings, ihres Sohnes, der heute 23 Jahre alt ist und hier Said genannt wird, und ihres Mannes, des Komponisten Christian Mings (im Buch heißt er Robert).

Dass ein paar Namen erfunden sind, soll vor allem die afghanische Familie schützen. Zumal die Erzählerin und mit ihr der angenommene Sohn erfahren, dass Saids leiblicher Vater offenbar aus Eifersucht niedergestochen wurde, und das Geschehene auch Schatten wirft auf die mittlerweile in Neu-Delhi lebende Mutter. Oder: Ex-Mutter. Denn Said hat nach allen Verstörungen seine neue deutsche „Mom“ gefunden – um zugleich eine eigene Identität zu gewinnen.

Ohne gegenseitige Missverständnisse zu beschönigen und in einer erkenntnisgenauen, oft poetisch schwebenden Sprache („Er ist zu klein für sein Schicksal ... Aber es gibt wohl für das Schicksal kein passendes Alter“) hat Ute Mings dieses Doku-Drama wie einen zeitgenössischen Bildungsroman geschrieben. Ein Bildungsroman im Sinne von Karl Philipp Moritz’ „Anton Reiser“, Peter Weiss’ „Abschied von den Eltern“ oder Michael Endes Fabel von „Jim Knopf“. Said übrigens wächst fast zeit- und altersgleich auf mit Harry Potter, und nach vielen komplizierten Anläufen ist sein erster Tag in der Oberschule der 11. September 2001.

Auch die jüngste Historie spielt so hinein. Said spricht Bayerisch, verlernt bald das Afghanisch der Kindheit und war nie in dem fernen Land. Doch der schwarzlockige braune Münchner Junge, der für den FC Bayern kicken will, kann von Ute Mings und ihrem Mann, die selber keine Kinder bekommen konnten, wegen seiner noch lebenden leiblichen Eltern nie adoptiert werden. In Said selber gärt ein wildes Temperament bis zu Jähzorn und späteren Ausbrüchen aus Schule und neuem Elternhaus, zugleich wechseln Zärtlichkeit, helle Begeisterung oder höllische Wut mit Dunkelphasen, Trauer, Lebensangst, Migräne und Depressionen. Nicht zuletzt verwehren auch die deutschen Einbürgerungsgesetze, die einen Fall wie Said nicht kennen, ein Stück neue, heilende Heimat.

Die Ereignisse nach dem 11. September mit dem Afghanistankrieg führen zu weiteren Albträumen. Der dunkelhäutige Heranwachsende wird womöglich angeschaut wie ein Verdächtiger. Wie ein „Schläfer“. Erst als die deutschen Pflegeeltern für ihr Münchner Kind nach mehr als einem Jahrzehnt die doppelte Staatsbürgerschaft erstritten haben, endet eine Groteske. Jedem, der über Integration nachdenken möchte, kann das Buch schon deshalb empfohlen werden. Aber es geht hier noch mehr um die Erfahrung der Fremdvertrautheit und der Grenzüberschreitung zwischen Familien, Kulturen, Generationen. Ute Mings und ihr Mann versuchen nicht einfach – doch was heißt: „einfach“! –, ein Kind und dessen Liebe oder auch nur Geborgenheit zu gewinnen. Said lernt allmählich, neben den für ihn jetzt wirklichen Eltern den kranken, in seinem Koma ruhenden ursprünglichen Vater anzuerkennen. Anzunehmen.

Wie Ute Mings die Besuche in dem zunächst erschreckenden Heim und die kaum ergründliche, aber über Reste von körperlich-seelischer Wahrnehmung zu einem besonderen Austausch führende Verbindung zwischen Said und seinem Vater Ashraf beschreibt, ohne Sentimentalität, aber voll empfindlicher Empathie, das allein schon macht dieses Buch groß. Man begreift, auch zwischen Orient und Okzident geht es, wenn es geht, um eine gemeinsame Kultur der Menschlichkeit.

Ute Mings: Said. Unser Kind von fremden Eltern. Rütten & Loening, Berlin 2011. 288 Seiten, 19,95 €.

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