X Apartments : Die eigenen vier Leinwände

Wer wohnt hier? Was ist hinter der Fassade? Polen privat: Erkundungen in Warschau mit der internationalen Kunstaktion "X Apartments".

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Die Kraft der Kontraste. Szene im Warschauer Stadtteil Mirów, durch den eine der drei "X Apartments"-Touren führte.
Die Kraft der Kontraste. Szene im Warschauer Stadtteil Mirów, durch den eine der drei "X Apartments"-Touren führte.Foto: Adam Walicki

Ein Zimmer im Hilton, 24. Stock. Der Blick aus dem Panoramafenster schweift über den Warschauer Stadtteil Mirów. Bauruinen, brache Flächen, Glaspaläste, Wohnhäuser. Ein Sturz durch Epochen. Verbaute Zeit, zerrissener Raum. Ein junger Mann erklärt uns die Taktik des „Guerilla Gardening“, das seine Wurzeln in der kalifornischen Hippie-Bewegung der sechziger Jahre hat und sich auch in Berlin wachsender Beliebtheit erfreut. Die Sprache klingt martialisch, der Geist ist sanft und grün. Piraten-Gärtner attackieren die Metropolen mit „Seed Bombs“. Aus Erde und Wasser formen wir falafelgroße Bällchen und ziehen, mit frischen Samen-Granaten bewaffnet, weiter, zur nächsten Station der „X Apartments“ in der polnischen Hauptstadt.

Schöne Städte sind schläfrig. Energie kommt aus dem Verkanteten, Unfertigen, aus dem Konflikt der Stile. Warschau und Berlin wirken wie entfernte Verwandte. Warschau erinnert an das Berlin der späten neunziger Jahre, vielleicht auch an das Berlin der Zukunft.

„X Apartments“ funktioniert, frei nach Brecht, als Gebrauchsanleitung für Städtebewohner. Künstler richten sich für ein paar Tage bei wildfremden Menschen ein, übernehmen die Regie des Alltags oder werden von ihr übernommen. Manchmal sind die Bewohner anwesend und Teil der Inszenierung, manchmal stellen sie auch nur ihr Heim zur Verfügung; der Abstecher ins Hotel ist eher eine Ausnahme.

Wie bei einer Schnitzeljagd wandern die Besucher von einer Adresse zur anderen, zwei bis drei Stunden dauert eine Tour. Eine global-lokale Idee: Vor zehn Jahren eröffnete Matthias Lilienthal, der Chef des Berliner Hebbel am Ufer, im Ruhrgebiet die ersten „X Wohnungen“. Es folgten Berlin und Istanbul, Caracas und Sao Paolo, immer nach dem gleichen Prinzip, und immer anders, mit anderen Künstlern und Ideen. Das changiert zwischen Folklore und Voyeurismus, Banalität und großem Heimkino. Am Wochenende der polnischen Präsidentschaftswahl gehen wir auf die Suche nach der Warschauer Seele. Wir sind Gäste. Man kennt uns nicht, und wir sind eingeladen.

Wenige Meter vom Hilton entfernt steigen wir durch ein finsteres, feuchtes Treppenhaus. Hier dringt kein Sonnenstrahl durch, es riecht übel. Die Tür zur Wohnung Nr. 55 steht offen. Eine Künstlerhöhle, vom Boden bis zur Decke mit Bildern und Objekten gefüllt, ein plastisches Privatissimum, ein Allerheiligstes, das etwas Karikaturhaftes, Alt-Avantgardistisches verströmt. Erinnerungen an das Theater des Tadeusz Kantor und die skulpturalen Schmerzensorgien der großen polnischen Nachkriegstheaterzeit. Der Mann, der diesen Schwitters’schen „Merzbau“ in Mirów schuf, ist sehr stolz und auch sehr schüchtern. Der Schweizer Künstler Roland Roos – das war das Kunststück – hat ihn überredet, fremde Menschen in sein winziges Weltreich hereinzulassen und den horrend hässlichen Hof ein wenig zu dekorieren mit seinen Sachen.

Was ist Performance, was ist Dokumentation? Und wozu braucht man überhaupt noch Kunst, wenn die Realität so übermächtig wird? „X Wohnungen“ schaffen eine kindliche Spannung: Was verbirgt sich hinter den Fassaden? Wer lebt hier?

Das Haus in der Chlodna-Straße 20 macht von außen einen hellen, freundlichen Eindruck, anders als die umstehenden Gebäude. Wir geben die Zahlenkombination ein und gehen in den vierten Stock. Das Treppenhaus zeigt Spuren von Verwahrlosung, die uns in der angezeigten Wohnung schier zu Boden drückt. Wasserschäden, Brandspuren, Dreck und Müll, grausiger Leerstand. Das Gefühl, in einer Falle zu sitzen, es riecht nach Verbrechen, Tod. An den Wänden kleine Zettel, mit Namen, Jahreszahlen. Das kleinste der Zimmer blendend weiß gestrichen, der Tisch ist gedeckt. Von fern Musik, Stimmen. Das Haus lag unmittelbar an der Grenze zum Ghetto, eine Markierung im Asphalt zeigt den Verlauf der Mauer.

Im ersten Stock wohnte Adam Czerniaków, der Vorsitzende des von den Nazis eingesetzten „Judenrats“. 1942 nahm er sich das Leben. „Sie verlangen von mir, mit eigenen Händen die Kinder meines Volkes umzubringen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sterben“, schrieb er in seinem Abschiedsbrief.

Drei Warschau-Touren haben Stefanie Peter, Anne Schulz und Joanna Warsza organisiert, im Rahmen des Programms „The Promised City“ vom Goethe-Institut. Der Gang durch Mirów verstört, erschüttert nachhaltig, die Wohnung in der Chlodna-Straße – eine Installation der Performance-Gruppe Showcase Beat Le Mot – reißt die Naht zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf.

In diesen Zimmern lösen sich die technizistischen Begriffe des Kulturbetriebs auf; Installation, Performance, Kurator, Format. Auch „X Wohnungen“, demnächst mithilfe des Goethe-Instituts in den Townships von Johannesburg, hat einen gewissen intellektuellen Merchandising-Geschmack. Aber es verbindet sich immer mit dem menschlichen Faktor. X, das ist der Fremde in seinem Zuhause.

Zehn Minuten sind vorgesehen für eine Station, die nächsten Besucher warten schon. Doch dieses weiße Höllenzimmer zieht magisch an, zieht in die Tiefe. Der Kopf ist voll, die Beine werden schwer, wir haben Mühe, hier herauszukommen.

Die Dramaturgie der „X Apartments“ entfaltet ihre Kraft. In einer Boxhalle in der Markthalle von Mirów sind wir auf den langen Marsch durch Treppenhäuser, Höfe, Parks und Straßen vorbereitet worden. Später lernen wir in einer Le Corbusier grob nachempfundenen Wohnmaschine einen Versicherungsvertreter kennen, der so charmant wie eindringlich die Risiken des Großstadtlebens schildert, und landen in einer ärmlichen Wohnung, 5. Stock, ohne Aufzug. Dort betreibt ein junger Türke, der mit einer zwanzig Jahre älteren Polin zusammenlebt, ein kleines Catering-Geschäft mit Butterbroten.

Geschäftsideen, Überlebensstrategien. Was wissen die Nachbarn voneinander, was der Fremde hier kunstvoll-zufällig serviert bekommt? Die Eckwohnung im 5. Stock der Pulawska-Straße 10 im Stadtteil Mokotów ist eine Legende. Hier trafen sich Anfang der Achtziger im „Salon Walendowski“ einflussreiche Dissidenten; Adam Michnik, Tadeusz Konwicki, Jacek Kurón. Gegenüber war damals das Kino Moskau, heute ein Multiplex. Bei der Ausrufung des Kriegsrechts 1981 lief dort „Apocalypse now“, heute „Shrek forever“. Agnieska Kurant, Jahrgang 1978, inszeniert Erinnerung. Ihre Akteure bewegen sich rückwärts durch die Wohnung, sprechen rückwärts – Sätze aus einer Diskussion der Oppositionellen, die von der Staatssicherheit aufgenommen wurde.

Ein paar Häuser weiter treffen wir den Berliner Choreografen Martin Claussen. Die Immobilienpreise an der Pulawska sind hoch, ein Quadratmeter kostet umgerechnet 4000 Euro. Claussen hat in einem Warschauer Wohnzimmer mit winzigen Papierhäuschen sein nordhessisches Heimatdorf nachgebaut. Aus „X Wohnungen“ wird Nachbarschaft, wenn man sich dem Fremden anvertraut. Und weil das hier doch alles Theater ist, polnisches Theater – Krzysztof Warlikowskis Nowy Teatr produziert diese „X Apartments“ –, warten wir auf die Lösung, Erlösung im Ritual. In einer wunderschönen Wohnung am Park werden wir mit Glühwein empfangen – und Weihnachtsliedern. Ein Christbaum strahlt in vollem Schmuck. Umarmungen, Geschenke, Lachen. Weihnachten im Juni.

Ist das Kunst? Und was ist Kunst, wenn sie das Leben nicht verändert, verbessert, vertieft? In Bródno, einem Plattenbauviertel, interpretiert der Bildende Künstler Pawel Althamer das „X“ als Nachbarschaftsprojekt. Nichts ist zu spüren von der Eiseskälte der berühmten Kieslowski-Filme, das war eine andere Zeit. In der Platte von Bródno werden wir für unseren Gastauftritt geschminkt, neu eingekleidet, interviewt, wir sollen uns entspannen, um schließlich auf der grünen Wiese zwischen den Betonriegeln in einer Küche probezuwohnen, die man aus einer der Wohnungen herausgeschleppt hat.

Pawel Althamer will Gemeinschaft stiften, er hat in Bródno einen Skulpturenpark eröffnet, er holt die Menschen heraus aus ihren XYZ-Wohnungen, die in sozialistischen Zeiten winzige Rückzugsparadiese oder Gefängnisse waren, mit langen Wartezeiten. „Fickzellen mit Fernheizung“, nannte es Heiner Müller. Die postsozialistischen Künstler denken humaner – an Menschen, weniger an Mythen und Mächte.

Und wenn man in zwanzig oder dreißig Jahren einmal zurückblickt auf den Kunstbetrieb von heute, dann wird „X Wohnungen“ wie ein Paradigma wirken. Kunst und Medien dringen in alle Bereiche des Lebens vor, bis ins Kleinste. Die eigenen vier Wände – Leinwände!

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