Kultur : "young.euro.classic": Lang wie die Nacht: Die dritte der Berliner Begegnungen

Carsten Niemann

Derzeit boomen sie wieder: die "langen Nächte". Die Kreuzberger Sorte reicht längst nicht mehr aus, der Berliner muss Nachts auch durch Potsdamer Schlossparks stapfen können und im Shuttle-Bus zu unzähligen Museen brausen. Oder aber er sitzt konzentriert fein stille: Im Kammermusiksaal der Philharmonie zum Beispiel, wo das Festival "Young-Euro-Classic" am Montag bereits zu seiner dritten "sehr langen" Nacht der Kammermusik-Veranstaltung "Berliner Begegnungen" geladen hatte.

19.30 Uhr: Während man mit leichtem Rucken die Polster prüft, wird das Programm überflogen: Eine klug zubereitete Mischung - diverse Facetten der frühen Moderne, und überdies Gelegenheit, die derzeit am höchsten gehandelten osteuropäischen Komponistinnen kennenzulernen. Das lässt sich gut aushalten. Nicht minder die Besetzung: Natalia Gutman, Kolya Blacher, Guy Braunstein, die in der Berliner Klassikszene wohlbekannten Mentoren. Dazu ein Strauß von in Wettbewerben hoch dekorierten jungen Musikern - und schliesslich der verdienstvolle Spezialist für osteuropäische Neue Musik, Alexei Lubimov.

Renaud Capucon, Elisabeth Kufferath und Bruno Weinmeister zeigen viel Esprit und Wärme für den nüchternen Paul Hindemith und machen aus seinem Streichtrio Opus 34 den ersten Höhepunkt des Abends. Mit sanfter Energie und Klangschönheit verleiht die Geigerin Barennie Moon Scelsis "âme ailée" und "âme ouverte" Flügel, wobei sie mit ihrem langen Kleid und dem vorgebeugten Kopf wie eine Jugendstil-Figur aus dem Parkett herauszuwachsen scheint - eine B-Note, die auch der schönsten Kontrabassistin wohl auf immer verwehrt bleiben muss.

Auch dann, wenn ihr wie Christine Felsch mit sicherem Griff und liebevoller Umarmung des Rieseninstruments ein gelungenes Plädoyer für Sofia Gubaildulinas launige Pantomime für Kontrabass und Klavier gelingen sollte. Ernst und zupackend gibt sich Lubimov mit Galina Ustvolskayas Klaviersonate Nr. 5, einem dichten und durch seine Markanz zu Recht populären Stück. Der Abend geht mit einer von den Mentoren und ihren Eleven gemeinsam musizierten Kammersymphonie Nr. 1 Opus 9 von Schönberg recht schmissig zu Ende. Erst 23 Uhr! Aber vielleicht ist in Kreuzberg auch noch was los ...

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