Kultur : Zaubersprüche

Merseburg feiert sein 1000-jähriges Bestehen als Bistum – und macht seine Schätze wieder zugänglich

Christina Tilmann

Fangen wir mit dem Raben an? Oder lieber mit Wotans lahmem Gaul? Oder doch gleich mit der abgeschlagenen Hand?

Ja, die Hand. Schon Alfred Kerr schildert in seinem Aufsatz „Die Hand“, wie eine Schulklasse durch den Merseburger Dom geführt wird, vorbei an Handschriften, prunkvollen Ornaten, blendenden Schätzen und immer wieder lautet die Frage der Mädchen: „Kommt jetzt die Hand?“. Und da kommt sie: Mumifiziert, schwarz und verknöchert liegt sie in einem hölzernen Etui. Es soll die Schwurhand Rudolfs von Schwaben sein, des Gegenkönigs Heinrich IV. im 11. Jahrhundert, die ihm in einer Schlacht abgeschlagen worden sein soll. Anatomische Studien haben unlängst bewiesen, dass ein Zeigefinger gebrochen ist. Aber die Hand selbst wurde nicht mit einem Schlag abgetrennt, sondern nachträglich, post mortem, abgeschnitten. Eine Miniatur der Sächsischen Weltchronik von 1301 zeigt indes, wie der unglückliche Rudolf seinem Unterstützer, Bischof Werner von Merseburg den verstümmelten Arm entgegenhält: „Dit is de hant, mit der ich mineme herren koning heinrike hulde swor...“

Die Hand war von jeher eine Attraktion in Merseburg, das ist auch in der Jubiläumsausstellung zum 1000-jährigen Bestehen des Merseburger Domkapitels so. Die größte Sensation der Ausstellung jedoch ist eine andere: die Handschrift der Merseburger Zaubersprüche ist erstmals seit 70 Jahren wieder zu sehen. Die beiden Texte aus dem 9. Jahrhundert, das bis heute einzige schriftliche Zeugnis heidnischen Inhalts auf Althochdeutsch, gehörten einst zum Deutsch-Pflichtstoff an jeder Schule. Im Original gesehen jedoch hat sie seit den Dreißigerjahren niemand mehr: Selbst Forscher waren auf Faksimiles angewiesen, weil starke Vergilbungserscheinungen an Tinte und Pergament einsetzten. Nun haben die Ausstellungsarchitekten dem verblassten Text einen großen, abgedunkelten Tempel errichtet. Und die Schauspielerin Beate Tippelt raunt über Lautsprecher die Beschwörung einer Gefangenenbefreiung: „Eiris sazun idisi...“.

Eine Sensation waren die Merseburger Zaubersprüche schon, als sie Anfang des 19. Jahrhunderts gefunden wurden. Im Jahr 1841 stieß ein Historiker in der Bibliothek des Merseburger Domkapitels auf eine Schrift aus dem 9./10. Jahrhundert, den Codex 136, der wahrscheinlich im Kloster Fulda angefertigt worden war. Wie im Mittelalter üblich, waren mehrere Texte in einem Konvolut zusammengefasst, darunter auch ein unscheinbares Blatt in althochdeutscher Sprache. Waitz, der etwas von der Bedeutung des Fundes ahnte, gab das Blatt an den berühmten Sprachforscher Jakob Grimm nach Berlin zur Begutachtung. Und Grimm war elektrisiert: „Alle sind an einem Codex vorbeigegangen, der ihnen, falls sie ihn näher zur Hand nahmen, nur bekannte, kirchliche Stücke zu gewähren schien, jetzt aber, nach seinem ganzen Inhalt gewürdigt, ein Kleinod bilden wird, welchem die berühmtesten Bibliotheken nichts an die Seite zu setzen haben.“

Seitdem sind die Sprüche untrennbar mit dem Namen der Stadt verbunden, angeleimt, ähnlich der erst unlängst aufgefundenen bronzezeitlichen Himmelsscheibe mit dem benachbarten Nebra. Geleimt, „sose gelimida sin“ ist auch der letzte Satz des zweiten Zauberspruchs. Der Inhalt: Wotans Pferd hat sich den Fuß verrenkt. Alle möglichen Heilkundigen versuchen ihr Glück, doch nur Wotan glückt es: „Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, als ob geleimt sie seien!“ orakelt der Text. Die Folge: Das Pferd kann wieder laufen – und Merseburg hat sein Wahrzeichen gefunden.

Allein für die Zaubersprüche müsste die Ausstellung im Merseburger Dom und Schloss zur Pilgerstätte für Kunst- Fans werden. Der wahre Schatz jedoch ist das frisch restaurierte Ensemble des Dombezirks an sich. Merseburg, eines der ältesten Bistümer Deutschlands, sieht sich in der glücklichen Lage, auf 1000 Jahre ungebrochene Geschichte zurückblicken zu können. Halberstadt, das in diesem Jahr sogar sein 1200. Jubiläum ebenfalls mit einer Ausstellung feiern konnte, hat solche Kontinuität nicht aufzuweisen: 1648, mit dem Westfälischen Frieden, endet dort die Bistums- Geschichte. Merseburgs Domkapitel, ursprünglich eine Vereinigung der Stadtgeistlichen, ist heute eine ehrenamtliche Vereinigung, die die Dome zu Merseburg und Naumburg sowie das Kollegiatstift Zeitz unter ihren Fittichen hat. Mit der Jubiläumsausstellung sollen die sorgsam gehüteten Schätze nun wieder dauerhaft öffentlich zugänglich gemacht werden.

Es wurde höchste Zeit: Längst ist die malerisch auf einem Hügelrücken über der Saale gelegene Stadt zwischen Buna- und Leunawerken, die nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg als Neubaustadt wiedererrichtet wurde, aus dem kulturellen Gedächtnis geschwunden. „Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag“, zitiert Bischof Axel Noack einen Bibelspruch. Dabei geht es um die Zeitspanne, in der sich alles, was wir heute als deutsche Geschichte kennen, ereignet hat: Die Erschließung des Ostens durch die Kirche. Der Investitutstreit, in dem sich Merseburg auf die falsche Seite der vom Papst eingesetzten Gegenkönige geschlagen hat. Später kamen die Preußen, die das Schloss für sich aquirierten, es kamen die Nationalsozialisten und die Stadt- und Industrieplaner der DDR. Nun sollen wieder Touristen kommen.

An all das erinnert die Jubiläums-Ausstellung im Domgeviert mit Kunstschätzen, die vom einstigen Reichtum künden: Ein Wunderkelch Heinrichs II. ist darunter, ein der Cranach-Schule zugeschriebener exquisiter Flügelaltar, die prächtige Merseburger Bibel aus dem 12. Jahrhundert, das Grabmal Rudolfs von Schwaben, immerhin das erste Bronzegrabmal Europas, ein Mantel Ottos des Großen aus rotem Samt oder die im September nach aufwändiger Restaurierung wiedererklingende Ladegast-Domorgel. Der überwältigende Blick vom Westturm schweift über den romanischen Dom, die Schloss- und Parkanlagen, die DDR-Plattenbauten bis zu den Industriekombinaten am Horizont. Glanz und Elend, Hybris und Historie sind hier wie durch ein Brennglas gebündelt.

Und der Rabe? Ein lebendes Exemplar sitzt in einem Käfig im äußeren Schlosshof von Merseburg, seit nunmehr 335 Jahren. Und büßt dafür, dass ein Vorgänger seinen Herren, den Bischof Thilo von Trodte, einst zu einem argen Unrecht verleitete. Der nämlich verdächtigte einen treuen Diener, ihm seinen Siegelring gestohlen zu haben, und ließ ihn hinrichten. Allein: Der Rabe war’s. Und lehrt: Schätze muss man hüten.

Zwischen Kathedrale und Welt – 1000 Jahre Domkapitel Merseburg, bis 14. November. Katalog 24,95 Euro, Kurzführer 5 Euro, wissenschaftlicher Begleitband 28 Euro (jeweils Michael Imhof Verlag).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben