Kultur : Zeichnen ist Denken

Die Akademie der Künste zeigt in ihren Ausstellungsräumen am Hanseatenweg unter dem Titel "Zeichnen ist eine andere Art von Sprache" Papierarbeiten zeitgenössischer Künstler aus einer der bedeutendsten Privatsammlungen New Yorks.Barbara Weidle sprach mit dem bislang namentlich ungenannt gebliebenen Sammler Werner H.Kramarsky in seinem mit Galerieräumen kombinierten Büro am Broadway.

TAGESSPIEGEL: Ihr Name wird im Katalog nicht genannt.Warum wollen Sie als Sammler eher anonym bleiben?

KRAMARSKY: Es war immer meine Ansicht, daß der Sammler im besten Falle temporär ist, doch die Kunst, so hofft man, ist für immer.Ich werde oft gefragt: "Was geschieht mit dieser Sammlung, falls Sie sterben?" Dann korrigiere ich die Leute und sage: "Sie meinen, wenn ich sterbe." Denn meine Tätigkeit ist endlich.Ich denke, es ist nicht interessant, wer gesammelt hat, sondern die Arbeiten selbst sind interessant.

TAGESSPIEGEL: Die Ausstellung heißt "Zeichnung ist eine andere Art von Sprache" nach einem Zitat von Richard Serra.Was bedeutet sie Ihnen?

KRAMARSKY: Für mich ist die Zeichnung das Medium, das der Hand des Künstlers am nächsten ist.Sie ist der Ausdruck des direkten Gedankens des Künstlers.

TAGESSPIEGEL: Zeichnen ist unbegrenzter Raum für das Denken.

KRAMARSKY: Ja, das ist richtig, aber ich bin mir nicht sicher, ob Zeichnung das ausschließlich ist.Viele Künstler gehen von der Zeichnung zur Malerei, Skulptur und wieder zurück.Oft zeichnen sie nach einem Gemälde, manchmal machen sie auch eine Graphik, um etwas zu durchdenken oder Neues zu entwickeln.

TAGESSPIEGEL: Wann begann Ihr Interesse an Zeichnung, wie kam es zu einer Sammlung?

KRAMARSKY: Als Kind wurde ich ins Museum mitgenommen, um Bilder anzusehen.Ich habe mich nie besonders dafür interessiert, was andere Leute über die Bilder sagten, und fand schnell heraus, daß man in einem Graphischen Kabinett normalerweise allein ist.Niemand konnte sich zwischen mich und das Objekt schieben.Die zeitgenössische Sammlung begann Mitte der fünfziger Jahre.Damals hatte ich die Entscheidung getroffen, daß es interessanter und sozial verantwortungsvoller wäre, die Arbeiten von lebenden Künstlern zu kaufen und einem Künstler auf diese Weise weiterzuhelfen.

TAGESSPIEGEL: Van Goghs "Porträt des Dr.Gachet" wurde 1992 von Ihrer Familie für 75 Millionen Dollar verkauft, nachdem es über fünfzig Jahre in Familienbesitz gewesen war.Haben Sie dadurch angefangen, in größerem Maßstab zu sammeln?

KRAMARSKY: Die Sammlung meiner Eltern wurde testamentarisch in ein Treuhandvermögen übergeben.Es gab eine Reihe Nutznießer, auch ich habe einiges geerbt.Natürlich machte dies das Sammeln einfacher.

TAGESSPIEGEL: Hat Ihr familiärer Hintergrund Sie zum Sammeln gebracht?

KRAMARSKY: Vielleicht ja, vielleicht nein.Ich habe seit meinem 13.Lebensjahr nie mehr richtig bei meinen Eltern gelebt.Aber es könnte genetisch sein.Mein Vater hatte ein unglaublich scharfes Auge für Qualität.Er besaß keine gute Ausbildung.Als er zwölf war, hat er die Schule verlassen.Er lebte in Hamburg bis 1924, dann in Amsterdam.Meine Eltern kamen 1940 nach Amerika, ich 1939.

TAGESSPIEGEL: Ihre Eltern haben nicht nur den "Dr.Gachet" besessen, sondern auch Gemälde von Cézanne und Gauguin.

KRAMARSKY: Ja.Einige wurden auf die Familie verteilt.Ich habe einige Papierarbeiten aus dieser Sammlung.

TAGESSPIEGEL: Ihre Sammlung ist geprägt von abstrakter, post-minimalistischer und konzeptueller Kunst.Wieso interessiert Sie gerade dieses Terrain?

KRAMARSKY: Sammeln ist ein wenig wie jemanden lieben.Man weiß nicht, wer der perfekte Partner sein wird.Und so sucht man auch nicht.Es geschieht.Es entwickelt sich.Man sieht Dinge und sagt: Ja, dafür habe ich ein Gefühl und dafür nicht.

TAGESSPIEGEL: Was bedeutet es Ihnen, diese Arbeiten zu besitzen?

KRAMARSKY: Ich habe keinen Besitzerstolz.Das meiste aus dieser Sammlung wird in den nächsten zehn Jahren weggegeben an Museen, in die es paßt.Aber es ist wunderbar, an einem bestimmten Punkt sagen zu können, ich möchte diese Arbeit von Nancy Haynes mit jener von Jasper Johns zusammen sehen.Und es ist ein großes Vergnügen zu sagen: Ja, das funktioniert.

TAGESSPIEGEL: Kann Zeichnung das Chaos des Denkens ordnen?

KRAMARSKY: Für mich immer.Mein Denken ist eher chaotisch.In mir bewegen sich viele verschiedene Gedankenströme zur gleichen Zeit.Die Konzentration auf eine Zeichnung genügt, um mich zu beruhigen.Ich mag dafür besonders gern die Arbeiten von Jill Baroff.Sie sagen: Beruhige dich.

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