Kultur : Zeichnung als Ziel

KLAUS HAMMER

Unter dem Titel "Genie der Zeichnung" stellt das Museum der bildenden Künste Leipzig aus seiner schon 1714 vom Rat der Stadt Leipzig erworbenen, aber bis heute so gut wie unbekannten Sammlung von Zeichnungen des römischen Barock 100 Blätter von Salvator Rosa vor, die fast alle wichtigen Gemälde und einige Radierungen dieses Künstlers vorbereiten. In die Ausstellung einbezogen wurden auch Zeichnungen von Rosa aus dem Teylers Museum Haarlem, so daß zusammen mit dem Katalog, der ersten deutschsprachigen Buch-Veröffentlichung über Rosa, ein einzigartiger Überblick über das erst noch zu entdeckende zeichnerische Werk des Künstlers gezeigt werden kann.Die Zeichnung wurde lange als die kleinere Schwester der großen Künste angesehen und erst spät in ihrer Eigenart und Selbständigkeit erkannt. Ungewöhnlich für das 17. Jahrhundert betrachtete Rosa die Zeichnung nicht nur als Studie, Vorklärung, flüchtige Skizze, sondern bereits als Ergebnis, als selbständige künstlerische Form. Seine Zeichnungen haben mit Abzeichnen nichts zu tun. Es ging dem 1615 bei Neapel geborenen und 1673 in Rom verstorbenen Rosa nicht darum, treffend abzubilden, sondern zu strukturieren und zu erfinden.Wenigstens zwei gemalte Fassungen des Themas "Der Tod des Empedokles" sind erhalten geblieben. Leipzig besitzt allein sechs Zeichnungen mit der Figur des griechischen Philosophen und Mystagogen, des Schöpfers der klassischen Lehre von den Elementen. Rosa stellt Empedokles dar, der die Menschen überzeugen wollte, daß er ein Gott geworden sei, wie er entweder zum freiwilligen Sprung in den Krater des Ätna ansetzt oder schon während des Sturzes in die glühende Lavamasse versinkt. Ein unruhiges Gewebe von Linien, Strichen, Texturen, Kritzel- und Zeichenspuren, von kleinteiligen, divergierenden, homogenen oder verschiedenartigen Formelementen (Zeichen) unterschiedlicher Dichte bildet das flächige Ordnungsgefüge für das Erscheinen gegenstandsbezogener Formen. Es handelt sich hier um die Kunst des Anspielens und Weglassens, des beabsichtigten Fragments. Auch Hölderlins Empedokles-Tragödie blieb, gerade weil sie das Produkt einer konfliktreichen Lebens- und Schaffensperiode war, in verschiedenen fragmentarischen Fassungen stecken. Ein Netz von Schwingungen bildet die erste Kritzelphase Rosas. Dann überlagern Linien netzartig die Grundstrukturen, ohne sie zu verdecken. Die Tendenz zu Formen wird zunehmend größer, auf das Ungerichtete folgt Verdichtung, Betonung, Definition. Es sondert sich Gestalt von Textur - es entsteht Rhythmus und Raum. Alles Gemachte bleibt sichtbar, nichts geht verloren.Die Distanz, die man zur menschlichen Figur einnehmen muß, um sie mit einem Blick als Ganzes wahrzunehmen, führt Rosa im Bild zu relativ kleinem Maß. So nimmt es nicht Wunder, daß die kleineren Arbeiten, die Zeichnungen, eine ganze Welt enthalten können, während Rosa im großen Bildformat den Ausschnitt bevorzugt. In der Nähe aber wirkt das Detail.

Leipzig, Museum der bildenden Künste, Grimmaische Str. 1-7, bis 8. 8., Katalog 49 Mark.

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