Kultur : Zeig mir deine Fratze, Tod

Aschaffenburg versucht, dem „Rätsel Matthias Grünewald“ auf die Spur zu kommen

Christina Tilmann

Ein Name nur, und alle kommen. Für Jan van Eyck zum Beispiel, dieses Frühjahr nach Brügge. Für Vermeer vor einigen Jahren nach Den Haag. Oder jetzt für Matthias Grünewald nach Aschaffenburg. Alle drei sind Maler mit einem schlanken Oeuvre, oft nur durch ein Werk berühmt geworden: van Eyck mit seinem Genter Altar oder Grünewald mit dem Isenheimer Altar im elsässischen Colmar, den allein jedes Jahr 300 000 Besucher sehen wollen. Werke, die ihren Bestimmungsort nie mehr verlassen werden, die durch ihre Nicht-Verfügbarkeit zu Pilgerstätten der Kunstgeschichte geworden sind.

Auch Grünewalds „Beweinung Christi“ in der Stiftskirche in Aschaffenburg ist ein Bild, das man nicht mehr vergisst. Ursprünglich als Predella zu einem verschollenen Altar gedacht, wiederholt es die Schrecken des Isenheimer Altars, ohne dessen Erlösungshoffnung. Der Leichnam liegt schlaff dahingestreckt, in grässlich grünlicher Farbe, die schon ledrig trockene Haut schlägt Falten an Hals und Körper. Am schlimmsten aber sind die Füße: klauenartig verkrümmt, die Wunden aufgeplatzt, die Zehen überlebensgroß und nach außen gereckt. Der Gott der Armen ein Opfer von Tod und Verwesung.

Die Hässlichkeit des Todes, die Grünewald so drastisch wie kein anderer gezeigt hat, sprachen die Menschen nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs besonders an. 1918/19 war der nach München verlagerte Isenheimer Altar in der Alten Pinakothek ausgestellt. Hatte sich vor dem Krieg kaum jemand für das Bildwerk interessiert, pilgerten die Menschen nun ins Museum , stürzten sich „wie Verdurstende auf den Quell des Lebens“, wie es der Schriftsteller Wilhelm Hausenstein beschrieb.

Seitdem ist der so lange vergessene Matthias Grünewald ein gefeierter Ahnherr der Moderne, seine Wirkung auf die Maler des 20. Jahrhunderts unübersehbar. Eine kleine Ausstellung in der Aschaffenburger Jesuitenkirche unterstreicht Grünewalds mächtigen Einfluss, von den Weltkriegs-Szenarien eines Otto Dix oder Max Beckmann bis hin zu Arnulf Rainers Übermalungen des Isenheimer Altars, die mit harten schwarzen Strichen das Grauen noch einmal verstärken.

Wesentlich ambitionierter ist das „Haus der Bayerischen Geschichte“, das im Aschaffenburger Schloss „Das Rätsel Grünewald“ lösen möchte. 10 000 Besucher in den ersten drei Wochen und überregionale Aufmerksamkeit geben den Organisatoren Recht, dass der Name Grünewald immer zieht. Allein: Was in der Ausstellung von Grünewald zu sehen ist, ist nicht viel: Drei Bildtafen, zwei aus Frankfurt und eben jene „Beweinung“ aus der heimischen Stiftskirche. Dazu einige Zeichnungen und viel Zeitkolorit.

Zum Vorwurf machen kann man die dünne Grundausstattung den Aschaffenburgern kaum: Die zumeist auf empfindliche Holztafeln gemalten Werke Grünewalds werden äußerst selten verliehen. Etwa 25 Tafelbilder sind erhalten, allein neun davon im Isenheimer Altar, den anzufragen, so Projektleiter Rainhard Riepertinger, „einfach idiotisch“ gewesen wäre. Aber auch die anderen Besitzer zeigten sich wenig kooperativ: Nicht einmal aus dem nahegelegenen Stuppach wurde der „Maria-Schnee-Altar“ verliehen. Selbst die „Beweinung“ wurde nur mit großem Aufwand, panzerglasgeschützt und stärker bewacht als jeder Staatsbesuch, von der Stiftskirche ins wenige hundert Meter weiter gelegene Schloss transportiert.

So versucht man in Aschaffenburg aus der Not eine Tugend zu machen: Es solle keine kunstgeschichtliche, sondern eine kulturhistorische Ausstellung sein, rechtfertigt sich Riepertinger. Also nicht das Werk Grünewalds, sondern der Mensch solle im Vordergrund stehen. Gewiss: Die Lebensumstände Grünewalds sind mindestens so rätselhaft wie sein Oeuvre, schon viele haben sich an ihnen versucht. Vermutlich wurde er in Würzburg geboren, wahrscheinlich ist er in Halle gestorben. Dazwischen sind Stationen in Aschaffenburg und Frankfurt belegt. Doch wie er aussah, weiß man nicht, man kennt kein handschriftliches Zeugnis, kein Selbstbildnis, kein Wohnhaus. Nicht einmal der Name ist gewiss.

Und so stürzt man sich in Aschaffenburg mit kriminalistischer Leidenschaft aufs Enträtseln. Ist jener Matthias Grünewald, den der Maler Joachim von Sandrart im 17. Jahrhundert erstmals erwähnt, gleichzusetzen mit einem Matheß Grün, den Matthäus Merian 1641 in Frankfurt nennt (eine These, die die Ausstellung zurückweist)? Oder doch (wie inzwischen allgemein angenommen) mit einem Mathis Nithart, der sich den Künstlernamen Gothart gab? Warum fanden sich in Grünewalds Nachlass sowohl ein Rosenkranz als auch etliche von Luthers Schriften? Und war sein Weggang aus Aschaffenburg 1526 Ausdruck einer Lebenskrise, ja vielleicht sogar eine Flucht, weil er in die Wirren der Reformation geraten war?

Viele Fragen. Auf keine findet die Ausstellung eine Antwort. Es wird auch keine geben, weder jetzt noch in Zukunft. Zu wenig ist überliefert, zu gering die Hoffnung, noch einmal durch neue Quellenfunde Aufschluss zu erhalten. Stattdessen beschränkt man sich in Aschaffenburg darauf, die Welt des Malers zu rekonstruieren: Der Nachlass, in einer handschriftlichen Liste überliefert, wird, soweit entzifferbar, nachgestellt. Man erfährt einiges über die zeitgenössischen Techniken des Berg- und Brunnenbaus, kann an Seife riechen, wie Grünewald sie hergestellt haben könnte, und anhand der Figur von Grünewalds Auftraggeber Kardinal Albrecht von Brandenburg viel über Aschaffenburger Lokalgeschichte sowie über Reliquien und Ablasshandel lernen.

Überhaupt wird viel Aufwand getrieben: Schimmernd flattern im Eingangssaal Grünewalds Bilder als Reproduktionen über Seidentücher, labyrinthisch werden Säulen zu Themen wie Bauernkrieg, Reformation oder Apokalypse gestaltet. Die wenigen Grünewald-Originale jedoch findet man kaum in all der Pracht – und Zeit, sie in Ruhe und mit angemessenem Abstand zu betrachten, schon gar nicht. Fast freut man sich darauf, dass die „Beweinung“ bald in die Stiftskirche zurückkehrt. Damit das „Rätsel Grünewald“ von neuem wirken kann.

Das Rätsel Grünewald. Schloss Johannisburg, Grünewald in der Moderne. Jesuitenkirche, beide bis 28.2.03. Kataloge je 18 Euro.

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