Kultur : Zeit der Zärtlichkeit

SANDRA LUZINA

Lange wurde sie herbeigesehnt, zäh wurde verhandelt, nach mehreren Anläufen und unmäßigen Anstrengungen ist es nun soweit: Pina Bausch ist in Berlin.Auf Einladung des Hebbel-Theaters gastiert das Tanztheater Wuppertal vom 3.- 6.Dezember mit seiner jüngsten Produktion "Masurca Fogo" in der Volksbühne.Eine gutgelaunte, wie immer schwarz gekleidete Pina Bausch fand sich am Dienstag abend zur Pressekonferenz ein.Nele Hertling, ohne deren Inititative das Gastspiel nicht zustande gekommen wäre, waren die Freude und auch die Erleichterung anzumerken.Die Intendantin des Hebbel-Theaters ließ es sich nicht nehmen, den langen Verhandlungsweg zum Bausch-Auftritt nachzuzeichnen.Mehr als zehn Jahre hat die Berlin-Absenz des international gefeierten Ensembles angedauert: 1987 trat das Wuppertaler Tanztheater im damaligen Ost-Berlin auf; im Westteil der Stadt war das Ensemble zuletzt 1981 im Rahmen des Theatertreffens mit "Bandoneon" zu sehen.Danach hatte das die ganze Welt bereisende Ensemble nicht etwa einen Bogen um die deutsche Hauptstadt gemacht, es fehlte immer an geeigneten Spielstätten und an Geld.Ein bereits vereinbartes Gastspiel 1993, dem Jahr der Olympia-Bewerbung, platzte in letzter Minute.Nach der Schließung des Schiller-Theaters beschlossen die deutschen Intendanten damals einen Berlin-Boykott.Die technische Crew aus Wuppertal mußte das Bühnenbild wieder abbauen.

Auch das jetzige Gastspiel war erst gar nicht vorgesehen.Aufgrund veränderter Tourneedaten erreichte das Hebbel-Theater ein überraschendes Angebot aus Wuppertal.Nele Hertling sagte zu und bewies damit Mut zum Risiko, denn es gab zunächst weder den geeigneten Ort noch ein Budget für den Auftritt der Wuppertaler.Die Volksbühne stellte dann ohne Zögern ihr Haus zur Verfügung.Die Finanzierung erwies sich aber als äußert schwierig, hier bedurfte es "unendlicher Gespräche" mit der Kulturverwaltung, so Nele Hertling.Vonnöten war auch Verhandlungsgeschick gegenüber dem Bund.Denn nun wird der Besuch der Bausch-Truppe durch Mehreinnamen finanziert, die aus dem Gastspiel des Nederlands Dans Theater im August dieses Jahres erwirtschaftet wurden und die eigentlich an den Bund zurückfließen müssen, der das Internationale Tanzfest aus dem Hauptstadtkulturfonds unterstützt hatte.Zehn Prozent der Mitttel mußtem zudem über private Sponsoren beschafft werden.Etwas beschämend sei es schon, was für mühselige Wege erforderlich waren, um das Gastspiel zu ermöglichen, meinte Hertling; sie hoffe aber, daß nun die Türen geöffnet seien.

Eine wider Erwarten gesprächige, ja erzählfreudige Pina Bausch gab Auskunft über ihre Arbeit und über ihre jüngste Produktion "Masurca Fogo".Die Koproduktion mit der EXPO 98 in Lissabon hatte die Kritiker durch ihren ungewohnten Optimismus verblüfft.In Lissabon, einer Stadt, die durch das Zusammenleben vieler Nationalitäten geprägt sei, habe sie eine große Kraft gespürt, meinte die Wuppertaler Prinzipalin, die auch die "starke Zusammenarbeit" mit den Tänzern lobte.Sie selbst sei stets überrascht über ihre Stücke, sie bewege sich zudem gern in Extremen.Im Laufe der Jahre sei ihre Arbeit vielen Mißverständnisssen ausgesetzt gewesen - Pina Bausch nannte hier die "Brutalität" der Szenen und die angeblich so "armen Frauen" - der seltsame Humor der Produktionen sei oft nicht erkannt worden.Ihre Stücke seien offen, viele Phantasien und Emotionen seien zugelassen.Pina Bausch wehrte auch das Mißverständnis ab, daß die Stücke aus dem Privaten entstehen."Meine Stücke sind immer ein Versuch, über uns zu sprechen." Sie seien getragen von der Hoffnung, daß die Menschen eine gemeinsame Sprache sprechen."Tanzen gegen die Angst" - mit diesem Titel eines jüngst erschienenen Buchs wollte die Choreographin ihre Arbeit nicht überschrieben wissen.Sie wählte mit Bedacht ein anderes "großes Wort": Zärtlichkeit.

3.-6.12.in der Volksbühne, alle Vorstellungen sind ausverkauft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar