Zeit SCHRIFTEN : John! Jeremiah! Sullivan!

Ein Mann, ein Buch, ein Wunder: Mit seiner Essaysammlung "Pulphead" hat sich der amerikanische Autor John Jeremiah Sullivan als Lieblingskind aller Kritiker etabliert. Die meisten seiner Reportagen kann man noch immer online lesen.

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Wann zuletzt wurde eigentlich ein Essayist so hoch in die literarischen Himmel zwischen San Francisco und New York gehoben? Als zupackender Reporter, wird gejubelt, trete John Jeremiah Sullivan das Erbe von Hunter S. Thompson und Tom Wolfe an – und als markanter Stilist das von Joan Didion und David Foster Wallace. Sein zweites Buch „Pulphead“ (Farrar, Straus & Giroux) belegt in allen wichtigen Umfragen zu den besten Sachbüchern des Jahres 2011 einen Spitzenplatz, es genießt den Kritikersegen von James Wood im „New Yorker“ – und den transatlantischen von Geoff Dyer im „Guardian“ dazu. Und noch jeder ungläubige Thomas, der dem konzertierten Entzücken misstrauen wollte, kehrte mit leuchtenden Augen von der Lektüre zurück.

Zugleich mussten viele sich für Ignoranten halten. Denn in den besten Magazinen, vor allem in „GQ“ (www.gq.com) oder in der „Paris Review“ (www.theparisreview.org), deren Südstaatenredakteur er ist, waren die Essays alle schon zu lesen – und ihr größter Teil steht immer noch online. Nur geben die Stücke erst im Zusammenhang preis, welches blümerante Grundgefühl Sullivan in fast allen Welten erforscht, die er betritt. Was an der Oberfläche wie lässig hochpolierter, bildstarker, pointensicherer, ganz auf Unterhaltsamkeit gebürsteter Journalismus mit romanhaften Mitteln wirkt, verwirbelt Erlebtes und Erfundenes auf eine Weise, der man mit der Genrebezeichnung narrative nonfiction nicht annähernd gerecht wird.

„Leaving Reality“ – das ist für den 1974 in Kentucky geborenen und heute in North Carolina lebenden Sullivan kein Programm, aber eine Notwendigkeit, je genauer er eine Reality-TV-Show wie „The Real World“ zu fassen versucht. „Peyton’s Place“ erzählt, wie er und seine Familie ihr Haus für Dreharbeiten zu der Soap „One Tree Hill“ vermieteten und die fiktive Welt bis heute die eigene überlagert. Auch sein Bericht von der unwahrscheinlichen Genesung des Halbbruders, der beim Üben mit seiner Band einen Starkstromschock am Mikrofon erleidet, erkundet eine Bewusstseinsstufe, die nicht ganz von dieser Welt ist.

Staunenswert, wie viele doppelte Böden, Unterströmungen und autobiografische Seitentriebe auch die Musikporträts haben: Annäherungen an Bunny Wailer, Michael Jackson oder Guns N’Roses-Sänger Axl Rose. Letztere ein virtuoses „write-around“ in Abwesenheit des Protagonisten, das, wie Sullivan in einem Funkinterview erklärt (www.wnyc.org), seinen Gegenstand vielleicht gerade dadurch habe einkreisen können.

Im Kulturblog des „Economist“ (www.economist.com/blogs/prospero) gesteht er, wie gerne er trojanische Pferde in seine Stücke einschleuse, deren Aufbau erst einmal möglichst viele Leser anziehen soll: „Sobald man sie dann aber hat, kann man anfangen, den Schrägheitsgrad zu steigern.“ Selbst schnell für den „Paris Review“-Blog Geschriebenes wie die Begegnung mit dem Kollegen Denis Johnson wuchert in verschiedenste Richtungen: Erst quälen die beiden in Sullivans heimischem Wilmington wilde Venusfliegenfallen, schreiten dann fort zu einem historischen Barbecue mit heller Essigsoße und landen schließlich bei einem Tschechow zitierenden Gedicht von Donald Justice.

Sullivan umgeht scheinbar nützliche Regeln – außer der, Erkenntnisse erst beim Schreiben zu gewinnen, was ihn in „Upon This Rock“, einer Reportage von einem christlichen Rockfestival in den Ozark Mountains, von jedem Gratisspott abhält. „Die Leute sagen immer ,show, don’t tell’“, erklärt er in einem Interview (music.yahoo.com/blogs/spin), „aber es gibt einfach Dinge, die erst durch erzählende Darstellung handwerklich möglich werden. Dies ist einer der Gründe, warum ich solche Ratschläge nicht mag – und eigentlich überhaupt nur wenig von den Empfehlungen halte, die in Schreibkursen ausgegeben werden. Zu jeder einzelnen könnte man hinzufügen: ,Außer man macht es gut.’“ Sullivans jüngste Expedition – „You Blow My Mind. Hey, Mickey“ – führt für das „New York Times Magazine“ übrigens nach Disneyland, samt Familie und einem winzigen Problem: Wie organisiert man dem mitreisenden Kifferfreund in diesem rundum überwachten künstlichen Paradies die Sucht?

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