Kultur : Zeit zum Jubeln

60 Jahre Deutsches Symphonie-Orchester

Sybill Mahlke

„Das andere Orchester“, so nennt es sich nach gutem West-Berliner Brauch noch im Titel einer Schrift von 1998. Trotz der Konkurrenz, die ihm aus der Mitte der vereinigten Stadt vielstimmig entgegentönt. „Das andere Orchester“, weil West-Berlin als Musikstadt auf zwei Konzertorchester ersten Ranges stolz war. Das „andere“ hat in seiner Geschichte gekämpft und gelitten, um zu überleben, während die Philharmoniker behütet blieben in ihrer großen Tradition.

Heute Abend wird gefeiert, was als eine genuin West-Berliner Karriere in die lebendige Gegenwart reicht. Kent Nagano, seit Spielzeitbeginn GMD der Bayerischen Staatsoper, kehrt zu seinen Musikern zurück, deren Stil er sechs Jahre als Chefdirigent geprägt hat. Sein Motto: Jedes Konzert ist eine Entdeckung. Sein designierter Nachfolger im Amt ist Ingo Metzmacher, vormals gestaltender Kopf der Hamburgischen Staatsoper. Das Deutsche Symphonie-Orchester, wie es nach zwei Namensänderungen heißt, ist jetzt eingebunden in die ROC GmbH Berlin. Nagano dirigiert das Jubiläumskonzert zum 60-jährigen Bestehen. Anschließend geht neue Zeit auf: Erste After-Concert-Lounge mit und im 40 seconds (Potsdamer Str. 58, achtes Obergeschoss).

Wer hätte das gedacht! 1946 als RIAS-Symphonie-Orchester gegründet, gerät das Orchester in Not, als der Sender ihm 1953 den Anstellungsvertrag kündigt. Bund und Land helfen, so gut es geht. Ferenc Fricsay, der erste Chefdirigent, arbeitet schon mal ohne Entgelt. Wolfgang Stresemann kommt aus Amerika, um dem Radio-Symphonie-Orchester – so der neue Name – als Intendant beizustehen. Zum Alltag der Musiker gehört Unterhaltungsmusik für die Sender. Ein Wunder im Wirtschaftskapitel des Orchesters tut die Deutsche Grammophon, indem sie Fricsay fest an sich bindet.

Es ist eine Geschichte von Krise zu Krise, von Erfolg zu Erfolg. Denn das junge RSO nimmt viele Spitzenspieler der Berliner Staatskapelle auf, die damals von Ost nach West wandern. So herrscht von Anfang an ein Qualitätsbewusstsein, das elitäre Dirigenten anzieht. Selbst Strawinsky dirigiert das Orchester. Fricsay, ein glühender Mozartverehrer, plädiert ebenso für Zeitgenössisches. So wird der Weg vorgezeichnet und der geniale Dirigent nach seinem frühen Tod zur Legende und Lichtgestalt. Das jahrzehntelang hochgehaltene Fricsay-Gedenken hat mit Anspruch und Maßstab zu tun.

Damit übersteht das Orchester nach der Ära Lorin Maazel, die von Virtuosität bestimmt ist, sieben chefdirigentenlose Jahre. Bis ihm Intendant Peter Ruzicka den jungen Riccardo Chailly und mit ihm eine kluge musikalische Dramaturgie beschert. Vladimir Ashkenazys Epoche nach dem Mauerfall wird wesentlich von Intendant Elmar Weingarten mitgestaltet, dessen Planung vergessene Musik wachruft und den Ehrendirigenten Günter Wand gewinnt. Das Orchester und sein Direktor Andreas Richter stehen nun gespannt vor einem künstlerischen Neubeginn. Wird Ingo Metzmacher die Chefkette Fricsay-Maazel-Chailly-Ashkenazy-Nagano um eine schöne Perle bereichern?

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