Kultur : Zeitkratzer

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LIEDGUT

Ausweis gefällig? Das Einwohner-Meldeamt residiert hinten links in der Ecke. Oder Payolas zum Euro-Kurs 1:4? Die Wechselstube befindet sich neben dem Eingang. Seit im April 2001 die „Transnationale Republik“ gegründet wurde, fehlt ihr zur veritablen Bürgergemeinschaft nur noch eine Hymne. Kurz sollte sie sein, eingängig auch, aber doch ein bisschen anders als andere Hymnen. Und weil man den Vergleich nicht scheut, luden die Sophiensäle sowie Christian von Borries von „deinmusikmissbrauch!“ am Wochenende zum Hymnen-Abend in die Staatsbank in der Französischen Straße. Nach der WM ist vor der WM: Ein eigens zusammengestellter Laienchor trat im Fußballdress auf und kämpfte sich gemeinsam mit einem Kammer-Ensemble tapfer durch Kampf- und Freiheitsgesänge, inklusive des beim Intonieren von Nationalhymen niemals fehlenden notorischen Falsch-Sängers. Man erinnere sich nur an den legendären Wiedervereinigungs-Chor der deutschen Politiker: Ein anständiger Hymen-Vortrag ist nichts ohne eine gehörige Portion Dilletantismus. Kulturattachés diverser Nationen zollten den jeweiligen Landesweisen derweil ihren Tribut, allen voran jene Sempacherin im Faltenrock, die ihr zeitlebens prekäres Verhältnis zur Schweizer Hymne mit dialektgefärbter Selbstironie Revue passieren ließ. Auf den Live-Vortrag des Deutschlandlieds verzichtete man. Stattdessen erklang es in Stockhausens elektronischer Bearbeitung von 1970: die Hymne als Klangfetzen, eine zerkratzte, uralte Platte. Der Kompositions-Grandprix findet bis zum Jahresende im Internet statt, Anfang 2003 werden die eingereichten Werke aufgeführt und die Bürger der Republik zur Abstimmung gebeten (Informationen unter www.transnationalrepublic. org.).Christiane Peitz

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