Kultur : Zeitschrift "Kafka": Sepiabraun

Gregor Dotzauer

Mitteleuropa erstreckt sich vielleicht nur zwischen Berlin-Mitte, wo die Redaktion einer neuen Zeitschrift zum Thema sitzt, zwischen Berlin-Charlottenburg, wo der Schriftsteller Bora ¿Cosi¿c einem verlorenen balkanischen Glück nachtrauert, und Berlin-Tiergarten, wo der Ungar György Konrád die Geschicke der Akademie der Künste lenkt. Aber zwischen all diesen in der Berliner Luft verdunstenden Träumen und Erinnerungen, da ist es ein Kontinent, nein, eine ganze Welt in Sepiabraun.

Die Frauen sind verruchte Wesen, die unter ausladenden Hüten ihre Lüsternheit verstecken. Sie tragen Pelze um den zarten Hals und ein slawisches Temperament im Herzen. Die Männer begnügen sich mit Spitzbart, Bauch und strengen Blicken, was ihrer Aura deshalb nicht schadet, weil sie alle Wissenschaftler oder Künstler sind: charmant, phantasiebegabt und immer mit einem Gedicht im Ärmel. Der Tag beginnt mit einer Melange, ans Bett serviert. Mittags im Kaffeehaus wartet der erste Verlängerte. Und abends, nach viel Müßiggang und noch mehr Laster, verwirrt man mit Becherovka und Palinka die übrig gebliebenen Sinne.

So jedenfalls wirkt Mitteleuropa, wenn man es durch die Augen des tschechischen Fotografen Frantisek Dritikol betrachtet. Seine Art-déco-Aufnahmen aus den zwanziger Jahren schmücken das erste Heft von "Kafka", der von Inter Nationes und dem Goethe-Institut finanzierten "Zeitschrift für Mitteleuropa", die heute in Berlin der Presseöffentlichkeit vorgestellt wird. Lauter erstklassige Autoren mit ebensolchen Texten: Neben ¿Cosi¿c und Konrád schreiben der Rumäne Mircea Dinescu, der Pole Adam Krzemi¿nski oder die Kroatin Slavenka Drakuli¿c. Und Matthias Rüb steuert einen ideengeschichtlichen Abriss darüber bei, was parallel zum Niedergang der sozialistischen Utopie eine Zeitlang als intellektuelle Resthoffnung Karriere machte: ein noch aus habsburgischen Zeiten stammendes Modell für das Miteinander in Vielvölkerstaaten. Alles erscheint in vier Ausgaben gleichzeitig auf Deutsch, Polnisch, Ungarisch und Tschechisch/Slowakisch - ein beispielloser Beitrag zur Völkerfreundschaft mit dem näheren Osten. Was gibt es da zu meckern?

Fast alle Autoren halten Mitteleuropa inzwischen für eine Schimäre - spätestens durch die Kriege auf dem Balkan. Doch die Redaktion um Ingke Brodersen und Rüdiger Dammann tut allein durch die Masse der schwer vergangenheitsgetränkten Beiträge so, als ließe sich auf der Ebene von historisch-politischen Visionen noch etwas bewegen. Aus der mitteleuropäischen Wirklichkeit und ihren unmittelbaren Notwendigkeiten erfährt man nichts, und die Gedichte von Orsolya Kalász sind tatsächlich der Beitrag, der die größte literarische Zeitgenossenschaft verspricht.

Das Schlimmste aber ist der Titel: Wer eine solche Zeitschrift "Kafka" nennt, macht die Nostalgie nicht nur zum Programm. Er nutzt auch einen Sonderfall der Pragerdeutschen Literatur für zweifelhafte Werbezwecke. Franz Kafka ist der deutsche Fels, den sich die Tschechen schon vor den Eingang zu ihrer eigenen Literatur gerollt haben. Soll er nun auch noch den Blick auf die benachbarten Nationalliteraturen verstellen?

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