Kultur : Zeitumstellung: Das Karussell der Rezitatoren

Moritz Schuller

Geschenkte Stunde: Der echte Literat, das zeigte sich an diesem Abend, hält das Buch beim Lesen von unten in der offenen Hand, wie ein vorsichtiger Kellner das Tablett bewegt. Die andere Hand bleibt frei. Klaus Wowereit legt Döblins "Berlin Alexanderplatz" flach vor sich hin, darauf die schwere Hand, die Seiten auseinandergepresst. Mit der anderen Hand verfolgt er die Zeilen, später, als er auch die eine oder andere Geste einfließen lässt, stemmt er sie auf seinen Oberschenkel. Gebückt sitzt er so vor dem kleinen Tisch, beide Beine angewinkelt und auf die Fußstütze des Klappstuhls geklemmt, liest mit Hilfe einer Brille. Wer den Regierenden Bürgermeister für einen homosexuellen Ästheten gehalten hat, für einen Neuköllner Beau Brummel oder Thomas Buddenbrook, der wurde bei der "Geschenkten Stunde" im Tacheles eines Besseren belehrt. Wowereits große Leidenschaft für die Kultur ist nur politisch ungezügelt. Während er tagsüber der Kultursenatorin - rumm rumm - in die Parade fährt, liegt "der neue Updike" zuhause ungelesen im Regal.

"So many books, so little time" stand auf einem T-Shirt, das es während der Frankfurter Buchmesse zu kaufen gab. Ein Satz, so wahr für das ganze Jahr, widerlegt jedoch in einer Nacht, in der die Zeit zurückgestellt werden darf. Aus einer "geschenkten Stunde", zu der die Verlagsgruppe Holtzbrinck geladen hatte, wurde so ein Festival literarischer Fülle, menschlicher Überfüllung, schmerzhafter Überschneidungen: Zeitgleich zu Wowereits wunderbaren Kampf mit Döblin, verführte Mario Adorf nämlich an anderem Ort das Publikum mit einer Geschichte aus seinem "Römischen Schneeball". Sein Tagebuch von den Dreharbeiten zu Werner Herzogs "Fitzcarraldo" im Dschungel Südamerikas, mit Mick Jagger im Andenflieger, hatte Adorf zu einer glänzenden Reportage verarbeitet, ein früher, komischer Höhepunkt des Abends.

"Zum guten Geschäft gehören Sportkämpfe, Regierungswechsel", liest Klaus Wowereit inzwischen weiter. "Bei Eberts Tod, sagen sie, haben sie ihnen die Zeitungen weggerissen." Er steckt noch im fünften Kapitel. Was der Wowereit denn lese, will Wolfgang Thierse wissen. Als Germanist, vertraut er einer Radioreporterin an, habe er Döblins Buch natürlich von vorne bis hinten gelesen. Thierse selbst liest aus "Zukunft Ost", seinem Plädoyer für den Aufbau der immer neuer werdenden Bundesländer. "Jede Koalition sei möglich", kommentiert er den Berliner Wahlausgang. Und die PDS davor, einen politischen Alleinvertretungsanspruch auf den Osten zu erheben.

Wer kam und reinkam, wurde vollversorgt: Massage, Frisör, Bier und Bücher in der Hugendubel-Lounge. Gastgeber der "geschenkten Stunde" war der Tagesspiegel, in Hamburg lud die Zeit, in Cottbus die Lausitzer Rundschau zu weiteren geschenkten Stunden. Wie einst die Rockstars bei "Live Aid" erst in London, dann in New York auftraten, wurde auch der Jungautor Norman Ohler noch in der Nacht von Cottbus nach Berlin verfrachtet. Eine Atmosphäre, in der Wolfgang Thierse davon sprach, wie schön es wäre, Kultursenator zu sein. Vorher hatte er sich noch beschwert, dass ihm Erkan & Stefan so blöde Fragen gestellt hatten. Die beiden Münchner Pseudotürken blieben bei Blöde: im völlig verschwitzten Dachgeschoss lasen sie aus ihrem "Krass-Buch", in dem es auch um die Haarstrecke geht, die von Stefans Bauchnabel nach unten wächst. Die heißt "Straße zum Glück" und die ist fett und krass und riecht nach Döner. Oder so ähnlich, es war jedenfalls ein großer Erfolg.

In der dritten Etage um neun Uhr der erste Schriftsteller: David Wagner. "Ich lese ja gerne, was der schreibt, aber er sieht so spießig aus". So spricht eine Zuhörerin, doch Wagner, ein kleiner, zierlicher Mann mit flacher Brille, trägt nur, was alle tragen: dunkler Anzug, offenes Hemd. Schlipslose Zeiten, an denen Sandalen nicht mehr zur Grundaustattung deutscher Schriftsteller gehören. (Oder hatte F.C.Delius doch welche an?) Tom Tykwer und Franka Potente werfen im Vorbeigehen einen Blick auf den lesenden David Wagner, eigentlich sieht die Potente inzwischen viel spießiger aus als alle Wagners dieser Welt. Dessen Berlin-Feuilletons, vom einsamsten Esser der Stadt etwa, sind wenigstens wunderbare. Wenn er nur so lesen würden wie später Enie van de Meiklokjes, so lebhaft und liebevoll, doch Wagner liest wie ein Pastor im Koma, und die VIVA-Moderatorin hatte sich Jens Sparschuhs "Der Zimmerspringbrunnen" vorgenommen.

Als Georg Klein gerade anfängt, aus seinem gefeierten Roman "Barbar Rosa" vorzulesen, verhängt das Tacheles einen Einlassstopp. Auf der verregneten Oranienburgerstraße stehen noch immer einige hundert in der Schlange, doch rein darf man nur, wenn ein anderer geht. Es heißt, dass Frédéric Beigbeder sein Flugzeug verpasst hat und Florian Illies nicht ins Haus gelassen wird, weil er sich nicht ausweisen kann. All das während Tom Tykwer, nun mit Knut Elstermann auf der Bühne, aus einer Art cinematographisches Manifest vorliest: "Eine neue Epoche der Bildproduktion steht uns bevor", heißt es da apodiktisch, bevor der Regisseur von "Lola rennt" bekennt: "Ich fürchte mich einzig und allein vor dem Verlust der Idee". Der Verdacht, dass es sich dabei um ein Werk von Tykwer selbst handelt, bestätigt sich nicht, widerlegt wird er aber auch nicht. Von Kracauer stammt das jedenfalls nicht.

Später noch Kuttner als Quizchef, Musik und der echte Zeitgewinn. Doch vorher noch einmal, als Qual der kurzen Stunde: Florian Illies, Wolf Haas, Daniela Dahn und Ariane Sommer - angesetzt zur gleichen Zeit. Dahns "Prenzlauer Berg Tour", ungefähr so aktuell wie "Die Aula", fällt gleich aus, Haas, in Österreich ein Kult-Autor, kennt hier keiner und so entscheiden sich die frischen Gesichter aus Grünwald für Illies und seine "Anleitung zum Unschuldigsein". Ein freier Tag, sagt Illies, ist ein Geschenk der Hölle. Eine einzige Stunde ganz und gar nicht.

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