Kultur : Zierfisch sucht Porreestange

KERSTIN DECKER

"Shoemaker", der Erstling der kanadischen Regisseurin Colleen Murphy, ist einer jener einfachen, zauberischen Filme, die auf ganz einfache, zauberische Art gelingen.Irgendwo auf der Grenze zwischen bitterster, also allerrealster Realität und Märchenland.Und irgendwie verwunschen ist diese kleine Schusterwerkstatt in einem Vorort Torontos ja schon, die nie jemand betritt außer der Verkäuferin aus dem kleinen Laden nebenan, den wiederum nie jemand betritt außer den beiden Schustern.Aber ganz so stimmt das auch wieder nicht, denn einmal steht doch jemand in der Werkstatt.Eine fremde Frau! Sie fragt nach Carey, dem jüngeren Schuster.Carey hatte gerade noch Zeit, Paul, dem älteren Schuster zu sagen: "Ich muß mal auf Toilette!" Denn Carey träumt von dieser sagenhaften Frau, seit er mal mit ihr am selben Gemüsestand Porree prüfte - oder waren es Radieschen? - und sie ihre Plastetüte voll Wasser mit Goldfisch drin neben seinen Porree legte.Damals wußte Carey: Sie ist es! Diese Frau hat ein Aquarium! Denn Carey kann nur eine Frau mit Aquarium lieben.Eine, deren Herz auch so unter Wasser schlägt wie seins.Und eben diese Fischfrau steht jetzt in seinem Laden.Wer müßte da nicht auf Toilette?

Der Film taucht uns ein in Careys Welt, ausgespannt zwischen Zierfischen, Absätzen für Damenschuhe und Eishockey.Ja, Careys Welt ist sehr genügsam und doch vollkommen wie jede Kinderwelt.Und sie ist lauter Gegenwart.Genau wie Colleen Murphys Film.Andere mögen Carey (Randy Hughson) schwachsinnig nennen, ein grobes Wort dafür, daß einer einfach vergessen hat, erwachsen zu werden.All die Pfähle einzuschlagen und Grenzlinien zu ziehen, die uns vor der Welt und die Welt vor uns schützen.Natürlich war das leichtsinnig von ihm.Denn so weiß er nicht mal, daß es nur ein Unglück mittleren Ranges bedeutet, eine Frau zu lieben.Das geht ja auch wieder vorbei.Liebe ist nur die oberste aller metaphysischen Täuschungen.In Kinderwelten aber geht nichts vorbei, gar nichts.

Und Anna (Alberta Watson), die am Leben still resignierte Frau? Sie mag Careys Weltunmittelbarkeit dort, wo andere nur noch Distanzen haben, und sie liebt diese ihrer selbst gänzlich unbewußte Sexualität.Fast unmerklich weitet sich das zum Drama, wird immer reduktionistischer zum Schluß (grandios die letzte Szenenfolge), läßt uns parallel all die Erwachsenen-Distanzen verlieren, die uns nicht nur vor der Welt, sondern auch vor Filmen wie diesem schützen und endet doch wie jede Geschichte aus der Kinderwelt, nachdem das Urgrauen durchschritten ist: beinahe als Märchen.

Filmbühne am Steinplatz, fsk und Hackesche Höfe (jeweils OmU)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben