Zille-Geburtstag : So hart kann Mitleid sein

Nicht nur Milljöh: Zum 150. Geburtstag zeigen zwei Berliner Ausstellungen den ganzen Zille

Michael Zajonz
Heinrich Zille
Der Berliner Zeichner und Fotograf Heinrich Zille. -Foto: dpa

Sein Name war einmal so etwas wie ein Synonym für Berlin. Oder zumindest für den Berliner Humor, den man gern Mutterwitz nannte. Damals, als es ihn noch gab. Inzwischen scheint er sich in der ebenso sprichwörtlichen Berliner Luft aufgelöst zu haben. Weitgehend rückstandsfrei, bis auf die Berliner Schnauze, doch selbst die hört man immer seltener. Man spricht Hochdeutsch in Berlin. Auch deshalb müssen die Pointen von Heinrich Zille, dessen Geburtstag sich heute zum 150. Mal jährt, für Nachgeborene demnächst wohl übersetzt und erklärt werden. Humor, der sich zu Kulturgeschichte kompostiert hat. Nicht gerade ideale Bedingungen für das Nachwirken eines Witzzeichners.

Andererseits: Lässt sich der Grafiker und Fotograf Heinrich Zille überhaupt auf die Rolle des – naturgemäß zeitbedingten – Populär-Humoristen festlegen? Wie ernst war es dem sozialen Aufsteiger mit seiner Gesellschaftskritik an den Lebensbedingungen der Unterschicht im wilhelminischen Berlin? Und: Was ist dran an den Klischees vom „Vater Zille“, dem jovial Zigarre schmauchenden „Pinselheinrich“ und seinem „Milljöh“?

Zille selbst hat 1925, vier Jahre vor seinem Tod, einen Satz geschrieben, den sich seither kein Biograf entgehen lässt: „Es tut weh, wenn man den Ernst als Witz verkaufen muss.“ Die Traurigkeit des Clowns spricht aus dieser Briefzeile des sonst mit Selbstauskünften Geizenden. Das Problem aller großen Künstler, die mit Humor aufrütteln wollen. Kurt Tucholsky hat ebenso daran gelitten. 1929 dichtet er für den verstorbenen Zille, den verehrten Kollegen und Freund: „Malen kannste./ Zeichnen kannste./ Witze machen sollste./ Aba Ernst machen dürfste nich.“

Über Zilles künstlerisches Dilemma können professionell Ernsthafte natürlich nur lachen. Wie der Philosoph Theodor W. Adorno, der noch rückblickend ätzte: „Zille klopft dem Elend auf den Popo.“ Ein alter Vorwurf: Satire als Instrument der Herrschenden, als probates Mittel der Verharmlosung.

Und wem kämen dabei nicht auch die passenden Zille-Bilder in den Sinn? All die schnurrbärtig-schnoddrigen Schutzmänner, die spindeldürren und dennoch herzerfrischend frechen Proletariergören, die kessen Mädels und abgebrühten reifen Damen vom horizontalen Gewerbe. Man kennt das aus unzähligen Zille-Büchern und Alben, von Bierdeckeln und Schnapsflaschenetiketten. Und meint, mit dem Spätwerk und der darauf aufbauenden Marketingmaschinerie auch ihn selbst hinreichend zu kennen, den Künstler und Prominenten, dem heute im Nikolaiviertel sogar ein eigenes Denkmal enthüllt wird. Sicher mit Leierkastenuntermalung. Erfolg kann grausam sein. Noch posthum.

Auch Matthias Flügge plagen solche Zille-Zweifel. Dennoch schaut der Kunsthistoriker und Ex-Vizepräsident der Berliner Akademie der Künste mit den Augen des Liebenden auf den Meister. Schon sein Vater Gerhard Flügge hat in der DDR Bücher über Zille herausgegeben, einige noch zusammen mit Margarete Köhler-Zille, der ältesten Zille-Tochter. Matthias Flügge veröffentlichte 1987 sein erstes Zille-Buch – über die Fotografien. Ebenfalls noch zu DDR-Zeiten arbeitete er am Werkverzeichnis der Druckgrafiken mit. Nun hat er, zusammen mit Andreas Teltow von der Stiftung Stadtmuseum, eine aufschlussreiche Jubiläumsausstellung zusammengestellt. „Heinrich Zille. Kinder der Straße“ versammelt im Akademiegebäude am Pariser Platz und im Ephraim-Palais rund 350 Arbeiten des Künstlers, dazu Bücher, Alben, Filme, Souvenirs. Es ist der ganze Zille: Erstmals erlauben Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien den umfassenden Vergleich und zeigen die Wanderung von Motiven von den Fotos ins gezeichnete Werk.

Hinschauen muss man schon, um Zilles Häutungen vom spätbiedermeierlichen Idyllenzeichner der autodidaktischen Anfänge über den Großstadtdokumentaristen und harten Sozialkritiker bis zum altersbedingt milden und müden Cartoonisten – ein damals allerdings noch unbekannter Begriff – des „Milljöh“ genau nachzuvollziehen. Als Werk im Werk stehen die Fotografien da, welche in wenigen Vintage Prints und in Neuabzügen präsentiert werden, die der Fotokünstler Thomas Struth Mitte der achtziger Jahre für den Schirmer/Mosel-Verlag angefertigt hat.

Für Zille selbst waren die Aufnahmen, die bei Streifzügen durch die Stadt mit einer geborgten Plattenkamera zwischen 1896 und 1902 entstanden sind, Erinnerungshilfen, die keinesfalls das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollten. Nie hat Zille repräsentativere Abzüge gemacht, selten einmal ein Foto verschenkt. Spontan und anrührend wirken seine Aufnahmen, unbefangen blicken alte Mütterchen und Straßenkinder in die Kamera, die damals noch als Sensation, nicht als Belästigung empfunden wurde. Auf heutige Betrachter mögen Zilles Fotos modern wirken, ein avantgardistisches Kalkül verfolgte er damit nicht. „Die Moderne“, meint Matthias Flügge, „muss man wollen.“

Modern war der Autodidakt aus ärmlichsten Verhältnissen, der sich vom Lithografen über den Werkstattleiter einer Kunstdruckanstalt bis zum freien Künstler hocharbeitete, zumindest zeitweilig in seinen Zeichnungen. In seinen besten Jahren um 1900 schuf er einen Vorrat bitterböser Bilder vom unteren Rand der Gesellschaft. Zeichnungen und Druckgrafiken, die er dank der Förderung Max Liebermanns in der Berliner Secession ausstellen (allerdings kaum verkaufen) und – ab 1904 – in einigen der führenden Zeitschriften des deutschsprachigen Raums veröffentlichen konnte: im Satiremagazin „Simplicissimus“, in der Münchner „Jugend“, damals Zentralorgan des Jugendstils, sowie dem von Gustav Meyrink in Wien redigierten Magazin „Der liebe Augustin“.

Lustig sind diese frühen Blätter nicht unbedingt, trotz der Unterzeilen in breitestem Berlinisch, die der im sächsischen Radeburg geborene und aufgewachsene Zille oft selbst geschrieben hat. Etwa für seine erste publizierte Zeichnung „Das kalte Frühstück“, auf der zwei Kinder den Selbstmord der Mutter kommentieren: „Vater sitzt in die Destille und Mutter liegt in Landwehrkanal, heite giebt’s keen Kaffee.“

Es ist der schwarze Humor solcher Bild-Text-Ideen, der Zilles Klasse bis heute ausmacht. Sie findet ihre Entsprechung im Gezeichneten: klar, ohne falsches Pathos. Kein Strich zu viel. Virtuose Zeichnungen, deren Funktionen sich im politisch-öffentlichen Raum erfüllen. Zilles Blätter sollten gedruckt und unters Volk gebracht werden, in ein Museum gehören sie eigentlich nicht.

Zilles Kunst geht ganz in ihrer massenmedialen Verbreitung auf – im signifikanten Gegensatz zu heutigen Künstlern wie Jeff Wall, der sich in seinen derzeit in der Deutschen Guggenheim Unter den Linden ausgestellten Leuchtkästen und Fotoarbeiten ebenfalls dem Thema der Besitz- und Obdachlosen widmet. Ein vergleichbares Interesse an sozialen Differenzierungsprozessen gibt es, findet Matthias Flügge, derzeit nur im Film. In den kleinen, hässlichen Filmen der Berliner Schule. Oder bei Fatih Akin. Und Berlin sei sich in vielen Punkten sowieso gleich geblieben: „Noch immer dieselbe Angst vieler Menschen, sozial abzurutschen.“

Bereits 1905 ist es für Zille vorbei mit der neuen Schonungslosigkeit, der Zeichner avanciert zum bevorzugten Mitarbeiter einer auflagenstarken Familienzeitschrift. In den „Lustigen Blättern“ findet Zille endgültig zu seinem Stil: als Resultat einer Anpassung. 1908 erscheint sein erstes Buch „Kinder der Straße“, 1913 „Mein Milljöh“. Zilles Person verschmilzt mit seiner Kunst, er muss sich fortan hüten, nicht als folkloristisches Original verkannt zu werden. Das gelingt nicht immer.

Auch wenn der Ton versöhnlicher wird, hält der seit 1892 in der bürgerlichen Charlottenburger Sophie-Charlotte-Straße Beheimatete den Kindern der Straße bis an sein Lebensende die Treue. Ihnen begegnet er im Leben wie in der Kunst stets voller Empathie, ohne ihre Schwächen zu übersehen. Parteipolitische Ziele hat der Menschenfreund mit seinen Arbeiten nie verfolgt. Ärger bekam er dennoch. Etwa wegen der Darstellung freizügiger Erotik im Lithografienzyklus „Hurengespräche“ von 1920/21. Nichts Menschliches blieb ihm fremd. Er war, wie alle großen Humoristen, tief drinnen ein Melancholiker. Auch darin Tucholsky verwandt, der 1925 über ihn schrieb: „Zille gehört zu den Neuen, weil er unbarmherzig sein kann und Herz hat, weil er vor Mitleid mitleidlos schildert, weil er die Ruhe weg hat.“

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, ab morgen bis 24. 3. Ephraim-Palais, Poststraße 16, ab morgen bis 2. 3. Begleitpublikation (Schirmer/Mosel) 29,80 €.

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