Zinken putzen : Oberkreuzberger Nasenflötenorchester feiert seinen 20. Geburtstag

Sie sind schon etwas ältere Herren - aber wenn die Mitglieder des Oberkreuzberger Nasenflötenorchesters zur Probe zusammenkommen, werden wieder Jungspunde aus ihnen.

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Richtiger Riecher. Die Musiker in Aktion. Foto: Ron Gerlach
Richtiger Riecher. Die Musiker in Aktion. Foto: Ron Gerlach

Weltberühmt sind sie – in Kreuzberg. Damals, 1999 im SO 36, haben sie „Kreuzberger Nächte sind lang“ so lange aus allen Nasenlöchern gepfiffen, bis sie mit Bierdosen beworfen wurden. Das ist genau die Art der Ehrerbietung, die sie lustig finden. „Das müssen ja sowieso alles Ohrmasochisten sein, wenn die sich unsere Musik antun“, sagt MC Westbemme, Mitgründer des Oberkreuzberger Nasenflötenorchesters. „Wir lieben Nasen und hassen Ohren“, ergänzt Dieter Kölsch, dessen Nasenflügel ebenfalls in Diensten des Orchesters vibrieren.

„Das Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester: Der Grindchor“ feiert gerade Zwanzigjähriges. Und absolviert zu diesem Anlass eine zünftige Stadtteiltournee. Kreuzberg und Neukölln waren im April dran, am heutigen Sonnabend tritt man im „Bumerang“ in Prenzlauer Berg auf. Das Altherrenorchester – die meisten Mitglieder sind zwischen 50 und 60 Jahre alt – war das erste in Deutschland, bei dem die Nasenflöte als Hauptinstrument diente. Mit voller Inbrunst bläst das Ensemble, dessen Mitgliederzahl zwischen zehn und 15 schwankt, in das kleine Plastikinstrument, das einer Kinderflöte oder einen Schnuller ähnelt.

Wie sich das dann anhört? In etwa wie ein Schwarm Kanarienvögel auf Acid. Dabei stehen Highspeed-Versionen von Hits wie „Alter Spalter“ (Helter Skelter) neben Kuschelrock-Nummern wie „Dräumschen in echt“ (Dreams are my reality).

Das Orchester lässt den anarchischen Geist des Kreuzbergs der Achtziger und Neunziger weiterleben. Wie eine Stadtteil-Allstar-Truppe wirken sie, bei der zahlreiche bekannte Namen aus der hiesigen Kunst-, Literatur- oder Musikszene auftauchen. Der Autor und Künstler Thomas Kapielski ist genauso dabei wie Ex-Lassie-Singer Hermann Halb; auch Brezel Göring von Stereo Total war einst Teil des Orchesters. Zählt man alle Musik- und Hörspielprojekte zusammen, an denen die Herren in der Vergangenheit beteiligt waren, käme man wahrscheinlich auf eine dreistellige Zahl. Hanns Martin Slayer etwa entstammt der Aachener Trash-Noise-Band Trickbeat, die mit Platten wie „Nena Menstruationsbrigade“ den Weg in eine sinnfreie Zukunft wiesen. Man darf vermuten, dass der Stoff aller Nasenflöten-Mitglieder den Bedarf an nonsensischem Humor für mehrere Jahrzehnte deckt.

Eine EP und drei CDs haben die Nasenflötisten veröffentlicht, ihr Bestselleralbum war „Stille Tage in Rüsselsheim“, von dem sie 3000 Stück verkauften. Das werten sie als Erfolg, denn in erster Linie sind sie ein Live-Ereignis, eine große Unterhaltungsnummer. Das Geheule und Gejohle etwa auf ihrem jüngsten Werk „Blasphemia“, ist schon nicht mehr Low-Fi. Es ist Low-low-Fi.

Wie kann man diese Männer charakterisieren, die 1991 die Nasenflöten entdeckt haben und die ihr ganzes Oeuvre nur auf Grundlage dieses Instruments geschaffen haben? Neodadaisten vielleicht. Pataphysiker, sagen sie selbst, also der absurde Vorläufer des Dadaismus, eine vom französischen Schriftsteller Alfred Jarry gegründete Denkschule, die sich der Sinnlosigkeit menschlichen Wirkens widmet. Der Nihilismus mündet bei den Kreuzbergern in eine große Party.

Wenn die Bandmitglieder sich in Westbemmes Galerie zum Proben treffen, wenn sie sich um ihren Kassettenrekorder gruppieren, das Bier aus dem Späti nebenan bereitgestellt ist, verwandeln sich leicht ergraute Gestalten plötzlich in Jungspunde, hüpfen auf und ab wie HB-Männchen. „Azurro“ wird gepfiffen, es wird ausbaldowert, wer das Solo pfeift, Gitarrist Hermann Halb sitzt im Hintergrund auf seinem Zehn-Watt-Verstärker und versucht zu dirigieren.

Diese Energie vermögen sie auch live zu verströmen. Es ist schwer, sich dem Charme der Combo zu entziehen, wenn sie auf der Bühne loslegen und heißlaufen. „Es gibt ja mittlerweile noch ein paar andere Nasenflötenbands und Nachahmer“, sagt Hanns Martin Slayer, „aber die rocken einfach nicht.“

Das ist mitnichten Selbstbeweihräucherung, denn es stimmt einfach: Diese Flöten, die Berliner, die rocken. 20 Jahre im Dienste der Nase haben unüberhörbar ihre Spuren hinterlassen. In Kreuzberg ist das Männerorchester eine Institution, über die Stadtgrenzen hinaus wird es in diesem Leben zum großen Ruhm nicht mehr reichen. In einer besseren Welt aber, da wären die nasenflötenden Altrocker das große Ding.

Heute, Sonnabend, 22 Uhr, Bumerang, Stubbenkammerstraße 6, Prenzlauer Berg.

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