Zmicier Vishnious Roman "Das Brennesselhaus" : Antworte, du Mistkerl!

Zwischen Minsk und Berlin: der Weißrusse Zmicier Vishniou erzählt in seinem neuen Roman "Das Brennesselhaus" eine listige Abenteuergeschichte - und gelangt dabei bis zum Tacheles in der Oranienburger Straße.

Nicole Henneberg

Als Weißrusse, klagt der Erzähler, werde man in Berlin wie der exotische Bewohner eines unbekannten Archipels betrachtet. Auch sein Erfinder, der 1973 geborene Zmicier Vishniou hat da seine Erfahrungen gesammelt und steht überhaupt seinem Helden in vielem nah. Der ist ein Textperformer und postsowjetischer Maler mit anarchischen Zügen, der überall zu hören bekommt: „Bist du nicht dieser von der westlichen Zivilisation abgeschnittene Ureinwohner mitten in Europa? He, Leute, Robinson Crusoe kommt uns besuchen! Deckt den Tisch, holt Wein!“

Als einer der erfolgreichsten Autoren seines Landes, der mit schrillen und sinnlichen Texten die Literatur seiner Generation geprägt hat, reist Vishniou regelmäßig durch Europa. Wie er es nebenbei noch schafft, eine unabhängige Literaturzeitschrift herauszugeben und, gegen erheblichen offiziellen Widerstand, einen eigensinnigen Avantgarde-Verlag zu führen (der nur Bücher in weißrussischer Sprache veröffentlicht), bleibt sein Geheimnis. Seinem Erzähler wie dem versoffenen Safa – die beiden kommen sich, vor allem wenn es um Frauen geht, ständig ins Gehege – hat er mit dem „Brennesselhaus“ einen Ort geschenkt, den er aus eigener Anschauung kennt. Vishniou war im Berliner Tacheles Stipendiat.

Doch lässt sich diese mitreißende Schelmengeschichte nicht nur als Hommage auf einen inzwischen stillgelegten Szeneort lesen, sondern auch als dessen bitterböse Dekonstruktion.Staunend war der Erzähler aus Minsk aufgebrochen. Der Geheimdienst hatte ihn zum Zug eskortiert und noch einmal gehörig eingeschüchtert, nun findet er sich im verdreckten Tacheles als Zootier wieder. Die brutale kapitalistische Inszenierung, die ihn umgibt, kann er kaum fassen. Wohlparfümierte Herrschaften, zwischen Gier und Ekel schwankend, kaufen die entstehenden Kunstwerke bei „den Ratten, die ihre schwarzgeränderten Krallen durch die Gitterstäbe stecken“.

Da mischt sich eine verrückte Alte ein, die ihm samt Rollator aus Minsk gefolgt ist, eine „gewöhnliche, weißrussische Oma“, und gleichzeitig das ironisch verdrehte literarische Gewissen des Romans: „Was schreibst du für einen Blödsinn zusammen? (…) Machs lieber traditionell. Halte dich an die Geschichte der weißrussisch-sowjetischen Literatur.“ Die Forderung bringt den Erzähler erst richtig in Fahrt. Wütend beginnt er alle Post-Punk- und Postmoderne-Register zu ziehen. Ein surrealer Albtraum beginnt, der von Berlin aus halb widerwillig, halb glücklich immer wieder nach Minsk zurückführt, mit kurzen Chaosabenteuern bei Festivals in Medana, Petersburg und Lemberg.

Der freche und poetische Sound erschafft eine düstere Welt, in der alle Dinge einen doppelten Boden haben. Sicherheitshalber spottet er über alles, auch über seine eigene Angst. Er weiß, dass der sonderbare Handwerker, der die Wohnungstür aufbricht und beginnt, einen Tunnel unter seiner Wohnung zu graben, im Auftrag des KGB handelt. (Nur in Weißrussland heißt der Geheimdienst noch so – und macht seinem Namen alle Ehre.) Aber er ist nicht bereit, dafür sein Knutschen und Streiten mit Natascha zu unterbrechen. Und er nimmt den Eindringling auch nicht wichtiger als den gespenstischen Riesenkaktus, der den Garten seiner Großmutter verwüstet.

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