Kultur : Zoten mit Zofen

JÖRG KÖNIGSDORF

Mozart war privat ein schlimmer Finger. Seiner Augsburger Cousine schrieb er versaute Briefe und hatte sein Vergnügen daran, unanständige Operntexte und neckische Zoten in Musik zu setzen. Mozart war aber auch ein Genie und beließ es nicht dabei, tenorale Erregungszustände an- und abschwellen zu lassen, sondern deckte zugleich auch die Gefühlslagen seiner Figuren auf. Zum ersten Mal vielleicht in seiner "Gärtnerin aus Liebe": Da münden die operntypischen Verstrickungen des A liebt B liebt C in eine große, katastrophische Nacht- und Sturmszene, stülpen sich die Verwirrungen und Verzweiflungen nach außen in ein Bühnendurcheinander, aus dem für die Titelgeberin Violanta/Sandrina und ihren Grafen Belfiore allein der Ausweg in den gemeinsamen Wahnsinn bleibt.

Dieses wunderbare Werk des kaum 18jährigen, aus dem schon soviel "Figaro"-Geist herausweht, hat sich Heribert Sasse für seine erste Opernregie in seinem Berliner Schloßparktheater ausgesucht. Eine schöne Sommeroper hätte das werden können - und ist doch nichts weiter geworden als ein ärgerlicher Abend. Was zum einen daran liegt, daß Sasse für all das, was über die Triebebene hinausgeht, offenbar keinen Sinn besitzt. Im großen zweiten Finale kann er im nächtlichen Dunkel lediglich eine wüste Rammelorgie entdecken, in der es allein um verschiedenste Arten sexueller Befriedigung geht. Nun ist zwar im Prinzip nichts dagegen zu sagen, daß sich der Graf einfach mal so von der Zofe einen blasen läßt, warum er aber gleich darauf mit seiner Ex Violanta in verzückten Wahn verfällt, wird dadurch nicht klarer.

Kennzeichnend, daß Sasse gerade dort nichts einfällt, wo die Figuren mit empfindsamen Arien in ihr Inneres blicken lassen: Die nach einem schweren Beziehungskrach vor ihrem Belfiore geflohene Violanta steht beim Singen meist nur in der Gegend herum und darf sich höchstens mal dekorativ an die verblichene Palastwand des Bühnenbildes anlehnen. Dieser Mozart ohne Gefühle hätte aber trotzdem noch als x-beliebige Boulevardkomödie funktionieren können. Hätte können, heißt, daß nicht einmal diese Schiene des Stücks routiniert umgesetzt wird. Denn nicht einmal auf der klamottigen Ebene kommt diese "Gärtnerin" in Fahrt, sondern bleibt in chargierender Typenüberzeichnung stecken. Dafür wird ausgiebig und handlungslähmend geschwiegen, werden die teilmodernisierten Texte ausgekostet, als gelte es, Tschechov zu spielen. Das dehnt den Abend trotz Fortlassung etlicher Arien auf über drei Stunden und gibt dem leichtgewichtigen Libretto eine Schauspielschlagseite, die es nicht verträgt. Bleibt die Musik, die zumindest teilweise gibt, was die Szene vorenthält. Die Kammerphilharmonie Berlin ist zwar kein erstklassiges Orchester und klingt in den Streichern meist ein wenig schief, doch Leo Siberski kann am Pult trotz staubtrockener Akustik wenigstens so etwas wie Theatergeist entfachen, sein Mozart ist spannungs- und kontrastreich, ohne an den Phrasenenden abzusacken.

Durchwachsen die Sängerriege der Premiere: Weniger überzeugend die Frauen, applausabräumend die Männer, vor allem der unverkrampfte lyrische Tenor von Christoph Wittmann und Bariton Hagen Matzeit aus dem Ensemble der Komischen Oper. Retten kann das den Abend nicht.

Vor der Theaterpause noch einmal am 6. und 7. Juli, jeweils 20 Uhr.

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