Kultur : Zu den Waffen, Brüder!

Jan Böttcher fragt nach „Geld oder Leben“

Jan Oberländer

Der Kaffee ist durch“, das war der Code. Wenn er fiel, wussten die Angestellten der Sparkasse, in der Karls Mutter hinterm Schalter stand: In der Halle benimmt sich jemand verdächtig. Draußen war schließlich deutscher Herbst. Die RAF ging um. Vielleicht war es die ständige Alarmbereitschaftt, die in Karls Mutter Wahnvorstellungen auslöste. Noch zwanzig Jahre später ist sie überzeugt, von Terroristen kontrolliert zu werden. Sie deponiert Grundrisspläne ihrer Bank in toten Briefkästen. Und sie wartet auf die Erlösung durch einen Überfall.

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Karl aber weiß, dass die RAF nicht kommen wird. Also startet er den Überfall selbst, zusammen mit seinem Kumpel Dennis – und mit Skimasken, Schießeisen und Uhrenvergleich. Der Coup gelingt, einerseits: „Hat meine Ma danach etwa nicht ihre Traumgespräche mit den Terroristen abgebrochen? Yes, hat sie.“ Andererseits landen die Jungs in der Besserungsanstalt. Dabei ging es nie um die Beute. Vielleicht weil Karl ein echtes „Sparkassenkind“ ist, der Vater Kreditfritze und der Opa Hausmeister in der örtlichen Filiale. Geld ist für Karl der „Druck, selbst klarzukommen, diese ganze verdammte Kiste, die sich immer vors Leben stellt“. Ein Konflikt, den Jan Böttchers neuer Roman auch im Titel trägt: „Geld oder Leben“.

Auf der Haupterzählebene dieses bemerkenswerten Buches kommt Karl frisch aus den „Heiligen Heilstätten“. Mit dem geliehenen Heimbus fährt er, mittlerweile 21, zur Beerdigung seines Großvaters nach Brandenburg, in die national befreite Zone. Der VW ist mit Regenbögen bemalt, und Karl fühlt sich wie „der aufdringlichste Hippie der Welt“.

Damit beginnt ein Entwicklungsroman mit einem Protagonisten, der erst einmal seine Vergangenheit klären muss und dabei auf das Skurrilste über die Gegenwart stolpert. Der Großvater, findet Karl heraus, ist durch ein Weltkriegstrauma zum Hobby-Partisanen geworden. Überall in der Republik hatte er Waffendepots, er wollte vorbereitet sein, wenn die Russen kommen. In den achtziger Jahren räumte er dann, aus ganz anderen Gründen als später sein Enkel, die Familiensparkasse aus und machte in die DDR rüber, wo er auf den Angriff der Imperialisten wartete.

In Wahrheit ist alles wohl noch komplizierter, komischer, tragischer. Ganz aufklären kann Karl die Geschichte nicht einmal mit Hilfe von Nane, die als Sozialarbeiterin die Dorfjugend betreut und nebenbei in der Dorfkneipe kellnert, in dem der Verein internationaler (und redseliger) Altpartisanen tagt, dem Karls Opa bis zu seinem Tod vorsaß. Dafür schlägt die Liebe zu, was für Karl im positivsten Sinne erschütternd ist.

Jan Böttcher, Jahrgang 1973, arbeitet im Brotberuf als Werbetexter und ist Sänger und Songschreiber der Popband „Herr Nilsson“. Sein lesenswertes Debüt „Lina oder: Das kalte Moor“ (kookbooks) erschien 2003, eine leise, dichte Erzählung, die wie das neue Buch eine Provinzjugend beschreibt, eine schwierige erste Liebe. Böttchers Prosa ist hochunterhaltsam, ohne leichter Lesestoff zu sein. Immer wieder bleibt man an schönen Sätzen hängen, an witzigen Findungen, zarten Pointen. Manchmal hebt man auch mal eine Augenbraue, aber so ist eben Karls Sprache. Bei aller Ironie ist der Erzähler kein übersättigter Popjunge. Er ist auf der Suche, er wartet nicht: Der zweite Anlauf zum Abi und der zweite Abbruch, die Zeit mit Nane, Umzug nach Berlin, die Mechanikerlehre, die erste eigene Wohnung.

Gewiss, man kann Jan Böttchers Buch vorwerfen, dass die Erzählung sich nicht streng geradeaus entwickelt, sondern langsam zusammenfindet wie Karls tausendteiliges Opa-Puzzle, sich vortastet, mehrere Anläufe nimmt. Und dass Karl selten auf den Punkt kommt. Andererseits ist Karl aber genau so ein Typ, kein Klarkopf, sondern einer mit geistiger Schiefstellung, ein Romantiker, der zwar die RAF wahrnimmt und die Zonengrenze, Brandenburger Skins und Attac, für den das Politische aber vor allem persönlich ist.

Jan Böttcher: Geld oder Leben. Roman. Rowohlt, Berlin. 320 Seiten, 19,90 €.

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