Kultur : Zu Hilfe, zu Hilfe

KINDEROPER

Carsten Niemann

Welche Helden braucht das Land? Das fragen sich nicht nur die nach historischer Orientierung ringenden Erwachsenen, sondern ebenso dringlich ihre Kinder. Für die neunjährige Laura steht die Antwort allerdings schon fest. Ihre Helden sind die Ritter: stark, geschmeidig und wahrscheinlich sogar zum Müll-Heruntertragen zu gebrauchen. Doch was, wenn die hehren Gestalten plötzlich leibhaftig dem Lesebuch entsteigen? Dieser Frage ist Winfried Radeke in seiner neuen Kinderoper Arme Ritter nachgegangen, die jetzt in der Neuköllner Oper ihre Uraufführung feierte. (Ab 9 Jahren, weitere Aufführungen bis zum 28. Dezember). Eine amüsante knappe Stunde lässt Radeke eine zwielichtige Gestalt nach der anderen durch Amparo Kuhlmanns raffiniertes Bühnenkinderzimmer toben: Der Page ist ein rotziges Kerlchen, und je höher die Figuren in der Hierarchie zum Ritter aufsteigen, um so unausstehlicher werden sie. Die Erkenntnis, dass Lesen und Leben zwei Paar Schuhe sind und so mancher Parzival in Wirklichkeit ein gewalttätiger Macho war, ist nur das eine.

Was tiefer haften bleibt von der Inszenierung, ist das bedrohliche Wachsen von Lauras Fantasiegestalten. Dass diese sich aus Einsamkeit nähren, müsste die überzeugend mädchenhaft agierende Johanna Bolten in Lauras Sehnsuchtssong mit eindringlicherer Kantilene deutlich machen. Unterstützt von Cornelia Posers virtuosem Puppenspiel und einer gewandt zwischen Musicalton, Minnelied und Wagnerparodie changierenden Akkordeonbegleitung behaupten Andreas Jockschs eindrucksvoll tönende Ritter ihre Daseinsberechtigung mehr, als es die ernüchternde Didaktik des Stücks eigentlich wollte. Aber auch ein wahres Ende ist ein gutes Ende.

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