Kultur : Zu wenig kritische Distanz in Joachim Fests Biografie über Albert Speer

Christian Böhme

Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Mit einigen Kommilitonen betrat der Archtitekturstudent Albert Speer im Dezember 1930 die "Neue Welt". Der Saal in der Neuköllner Hasenheide war brechend voll. Ein paar Tausend waren gekommen, um den Worten eines schon recht bekannten Mannes namens Adolf Hitler zu lauschen. Dem Herren im blauen Anzug gelang es sehr rasch, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. Er sprach über eine Politik der Minderwertigen, die Gefahr des Kommunismus und die Wiederauferstehung einer geschundenen Nation. Speer war beeindruckt. Mehr noch. Er habe die Kundgebung als ein "veränderter Mensch" verlassen. Um das Erlebte zu verdauen, suchte er die Einsamkeit der Havelwälder. Am 1. März 1931 trat Speer in die NSDAP ein. Er erhielt die Mitgliedsnummer 474481. Der selbsternannte Messias der Deutschen hatte einen seiner wichtigsten Jünger gefunden.

Das "Erweckungserlebnis" eines bis dahin Unpolitischen nennt Joachim Fest die folgenreiche Begebenheit in Berlin. Gleichzeitig war es gewissermaßen der Beginn einer intensiven, fast schon erotischen Freundschaft zwischen dem Führer und seinem 1905 geborenen Lieblingsarchitekten. Ein Verhältnis der besonderen Art habe beide verbunden und Speers Leben in besonderem Maße geprägt. Dieses Leben voller Brüche und Widersprüche zu beschreiben, zu erklären, hat sich sein Biograf Joachim Fest vorgenommen. Eine verdienstvolle Aufgabe. Aber auch ein Wagnis. Denn Speer war ein Chamäleon, einer, der bei Bedarf schnell die Farben wechseln konnte. Und er war ein "überaus intelligenter Ausreißer vor der Wahrheit", ein geschickter "Manipulator", dessen besonderer Gabe sich selbst seine Ankläger bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen kaum entziehen konnten. Fest, der Hitlers Intimus persönlich kannte und bei dessen "Erinnerungen" redaktionell behilflich war, hätte also wissen müssen, worauf er sich einließ. Drastisch formuliert: Fest ist Speer auf den Leim gegangen. Nur selten gelingt es nämlich dem angesehenen Publizisten und Historiker die für eine kritische Biografie notwendige Distanz gegenüber seinem Objekt zu wahren. Zu oft ist er ihm viel zu nahe. Speer jedenfalls hätte sicherlich keine Schwierigkeiten gehabt, die Biografie als gelungen zu bezeichnen.

Speer hat bis zu seinem Tod 1981 an seinem eigenen Mythos gearbeitet, und das mit Erfolg. Als sich der einst so mächtige Rüstungsminister in Nürnberg verteidigte, tat er dies, indem er sich geschickt zur Verantwortung für die Verbrechen des Regimes - dem er voller Überzeugung jahrelang gedient hatte - bekannte. Gleichzeitig wies er persönliche Schuld für das Geschehene weit von sich. In seinen 1969 erschienenen "Erinnerungen" wird diese Taktik deutlich. Und was mit den Juden Schlimmes geschehen war, ja, davon habe er zwar eine Ahnung, aber kein Wissen gehabt. Das Bekenntnis eines vermeintlich Reumütigen. Zu derartigen Gefühlen ließ er sich allerdings während des Dritten Reiches nicht hinreißen.

Es stimmt zwar, dass die zeitweilige Nummer Zwei des Regimes und Planer der "Weltstadt Germania" mit den stiernackigen Gefolgsleuten des Diktators, den Radau-Nazis, nichts gemein und am Hut hatte. Doch edelmütiger hat ihn das nicht gemacht. Speer ging es um Macht und Kompetenzen. Das Schicksal anderer war ihm gleichgültig. Das eigene Fortkommen zählte, koste es, was es wolle. Der einzige Maßstab war für Speer, Hitler zu dienen, dem "Beweger der Welt", wie er ihn genannt hat. In der Biografie kommt dies immer wieder zum Ausdruck.

Doch die fast bedingungslose Ergebenheit gegenüber dem Führer war nicht Speers alleiniger Antrieb. Es waren die Möglichkeiten, die das Tausendjährige Reich jungen, ehrgeizigen Männern bot. Man brauchte bloß alle moralischen Skrupel über Bord werfen und der "künstlerischen Freiheit" huldigen - schon gab es praktisch keine Grenzen mehr für das eigene Tun. Diese Chance haben viele genutzt und sich dem Regime ohne Wenn und Aber verschrieben. Speer war kein guter Nazi, sondern ein besonders gefährlicher. Der britische Geschichtswissenschaftler Hugh Trevor-Roper hat ihn einmal zutreffend als "den wahren Verbrecher Nazideutschlands" bezeichnet.

So eindeutig bezieht Fest nicht Stellung. Seltsam schwankend fallen seine Urteile aus. Zuweilen hat man den Eindruck, es sei Mitleid mit einer zerissenen Persönlichkeit und deren Schicksal angebracht. So beschreibt Fest Speers Jahre im Spandauer Gefängnis, schwer sei es dem Häftling Nummer 5 gefallen, mit dem Alltag zurecht zu kommen. "Wirre Hoffnungen auf eine vorzeitige Entlassung wechselten mit Phasen tiefer Niedergeschlagenheit." "Schule des Überlebens" ist das Kapitel überschrieben.

Ähnlich ausweichend geht Fest auch auf die Frage ein, wie weit Speer über die Verbrechen des Regimes informiert war und wie weit er selbst in die Untaten verstrickt war. "Kein Mensch von Sinnen konnte die unausgesetzten Tiraden über Krieg, Unterwerfung und Ausrottung als folgenlose Metaphern ansehen", schreibt Fest. Und: "Noch vor seiner Ernennung zum Minister war er (Speer), als Chef des Baustabs Speer, mehrfach in der Ukraine gewesen und will auch dort nichts gesehen oder gehört haben?" Durchaus kritische Worte. Doch wenige Sätze später erinnert der Autor an ein späteres "Verteidigungsargument" Speers: die "erschöpfende und sinnbenehmende Arbeitslast". Kleine, verständliche Fluchten vor dem Grauen? Nein, es wäre ungerecht, so eine Einschätzung Fest zu unterstellen. Dennoch, anhand solcher fadenscheiniger Entschuldigungen wäre es möglich gewesen, diesen Mitwisser und Mittäter zu entlarven.

Vermutlich ist es Fest einfach nicht gelungen, Speers Persönlichkeit gewissermaßen zu knacken. Auf die Frage, ob er vor Gericht die Kenntnis über die Massenverbrechen abgestritten habe, um sich die äußerste Verteidigungslinie zu sichern und um angesichts der furchtbaren Enthüllungen "jenen Rest von Selbstachtung zu behaupten, ohne den kein Mensch mit seinem Leben zurechtkommen kann", lässt Fest den Ziehsohn des Diktators antworten: "Ach, man sollte mir nicht immer wieder solche unbeantwortbaren Fragen stellen." Und Fest schließt das Kapitel mit dem Satz ab: "Weiter ist er in seinen Eingeständnissen nie gegangen." Das klingt entschuldigend nach: Mehr war einfach nicht herauszubekommen.

Ein "Mann mit vielen Fähigkeiten, aber ohne Eigenschaften" sei Speer gewesen, lautet das Fazit seines Biografen. Das ist zu wenig, um aus einem mehr als fünfhundert Seiten dicken Buch auch ein gelungenes zu machen. Vielleicht war Albert Speer nur ein geschickter Lügner und Selbstdarsteller.Joachim Fest: Speer. Eine Biographie. Alexander Fest Verlag, Berlin 1999. 539 S., 58 DM.

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