Kultur : Zu zwein allein

Anne Teresa de Keersmaeker tanzt im Hebbel am Ufer

Ulrich Amling

Das HAU 1 ist schütter besucht, einst der Ort in Berlin, wo internationale Tanzproduktionen für volle Säle sorgten. Vielleicht ist das Gastspiel von Anne Teresa de Keersmaeker und ihrer gefeierten Compagnie Rosas auch schlicht durchs Wahrnehmungsraster gerutscht. Denn wieder wütet ein Festival auf den HAU- Bühnen, diesmal hübsch happig „Fressen oder Fliegen“ betitelt. De Keersmaekers Abend findet außerhalb der Reihe statt – leider völlig zu Recht. „Zeitung“ ist eine Choreografie der Verneinung.

Zwei Stunden lang auf erlesene Musik von Bach, Schönberg und Webern getanzt, animiert sie mit ihrem Hang zum Bewegungsautismus zu Fehlschlüssen. Die Musikkompilation aus strengem Kontrapunkt und ebenso strenger Zwölftonreihe muss nicht verkopft wirken, de Keersmaekers Arrangements tun es auf jeden Fall. Das liegt vor allem in einer radikalen Abkehr von echten Ensembleszenen.

Es sind kurze, lichte Momente, wenn sich einmal Kraft zwischen den acht Tänzern aufbauen darf und der leere Bühnenraum nicht nur aus der Eigendrehung heraus erkundet wird. Duette sind lediglich ineinander verschachtelte Soli, ohne echte Berührungspunkte und ohne ein Gefallen aneinander. Und das macht eine andere grundliegende Schwäche der großen Choreografin deutlich: Ihre männlichen Tänzer verfügen neben überschaubarer Ausstrahlung über ein arg limitiertes Bewegungsvokabular. Verspannung statt Spannung ist die Folge, ein leichter Kopfschmerz auch, der von Alain Francos monochromer Klavierdarbietung noch genährt wird. So fühlt es sich an, wenn die Zeit der Dialoge vorbei ist (noch einmal heute, um 19.30 Uhr). Ulrich Amling

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