Kultur : Zuckereis

Kunstaroma der 80er: die Simple Minds in Berlin.

H. P. Daniels

Lang ist die Menschenschlange vor dem Huxley's in der Hasenheide. Lang ist das Konzert ausverkauft. „Simple Minds celebrate“ verheißen Plakate und Flyer, auf denen eine blaue Männerbüste bemalt ist mit den Titeln ihrer größten Hits. Wenn es auch für die 1978 gegründete, schottische Band gerade nicht unbedingt etwas zu „feiern“ gibt, so können sie doch immer noch bombastisch „zelebrieren“: ihre alten Songs, mit denen sie in den 80ern zu den erfolgreichsten Bands des UK zählten. Schlag acht steigt erster Rauch auf von der Bühne, tanzen Schattenrisse auf Podesten, purzeln blaurot gebündelte Lichtstrahlen wie Mikadostäbe durch die Luft. Alles sehr symmetrisch: optisch und akustisch. „Broken Glass Park“. Der Sound ist klar und durchsichtig, spitzes Splittern. Pompös und kühl wie eine Eisbombe, von der Jim Kerr mit seiner warmen tiefen Stimme zuckerige Appetithappen abschmilzt. Während die Band nachkühlt mit dem typischen 80er-Kunstaroma. Geschichtete Synthies, Samples, hallige elektronische Schlagzeugklänge, eingeschliffene Effekte, metallisches Zischeln, Disco-Knupperbass und eine Gitarre, die meistens mehr nach Synthesizer klingt als nach Rock ’n’ Roll. Eine hübsche Sängerin, deren Beine so lang sind wie ihr Röckchen kurz, macht „oh-oh-oh-oh-uh-uh-uh-uh“. Alles läuft wie am Schnürchen in geölter Stadion-Pop-Routine, eine endlose Reihe alter Tanzboden-Hits. Die Fans singen ausgelassen „La-la-la-la-la“ zu „Don’t You Forget About Me“. Und nach der vierten Zugabe sind alle geschafft. H. P. Daniels

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