Kultur : Zugunsten der Einheit

CORNELIA ZETZSCHE

Historische Tagung des West-PEN in MünchenVON CORNELIA ZETZSCHESo friedlich war seit Jahren kein PEN-Kongreß mehr über die Bühne gegangen.So milde gestimmt und frühlingslau war diese letzte, diese historische Tagung des West-PEN, kein Hauch zu spüren vom erbitterten Streit der letzten Jahre, nicht Abschieds-, nur Aufbruchs- und Frühlingsstimmung.Wenn Präsident Karl-Otto Conrady dennoch höchst vorsichtig lavierte, dann deshalb, weil sich der Ost-PEN auch auf seiner letzten Tagung im April nicht von ehemaligen Stasi-Kollaborateuren verabschiedet und den West-Kollegen den Schwarzen Peter zugeschoben hatte.Und das hieß: Entweder man schluckte die Kröte zugunsten der Einheit, oder man beharrte auf dem Grundsatz: Kein Kontakt mit Kontaktpersonen.Bei Hans Marquardt, dessen Stasi-Kontakte weniger eindeutig, dessen verlegerische Verdienste als ehemaliger Reclam-Chef aber unbestritten sind, ging das leichter.Eindeutig waren die Ressentiments gegen Erich Köhler, den Kauz aus dem Spreewalddorf, den Dichter der LPG, der nach eigenem Bekunden so lange schweigt, wie der Bundesgeier auf dem früheren Staatsratsgebäude weht.Punkt.Eine "tragische" Konstellation diagnostizierte der Präsident, jede Entscheidung bringt Austritte: Martin Walser, Erich Loest und andere im Fall der Fusion; bei erneuter Verweigerung J.M.Simmel etwa, der seit zwei Jahren schon, wie 60 andere, mit der Doppelmitgliedschaft in Ost und West seine gesamtdeutsche Variante praktiziert.So sehr in den letzten Jahren immer wieder der Wunsch nach einem prominenten Dichter-Präsidenten mit alles vereinigendem Charisma laut geworden war, so sehr war es doch dem diplomatischen Gespür des Germanisten Karl-Otto Conrady zu verdanken, daß jetzt die Hürden genommen wurden und die Interessen des PEN schwerer wogen als Pharisäertum und Prinzipien.Die Dissidenten waren zu Hause geblieben.Wer nach München kam, wollte einen vereinigten, starken PEN."Unverantwortlich wäre es, wenn zwei Menschen die Vereinigung von 670 Mitgliedern verhinderten", beschwor Generalsekretär Johano Strasser die Runde.Wenn zwei 50jährige zusammen in eine Wohnung zögen, sollten sie sich Auskunft geben über ihre Biographien, auch über die dunklen Stellen.Aber die Vorstellung von pränataler Unschuld sei absurd und lebensfremd.Auch bei den Gesprächen im Foyer fand man Gleichgesinnte.Ein Mann wie Köhler garantiere immerhin einen "Restreiz" im Club, reizte Viktor von Bülow alias Loriot."Reinheit" sei etwas Gefährliches, warnten Simmel und der Lyriker Paul Wühr.Und das Abstimmungs-Ergebnis unterstrich ihre Worte: 97 von 103 Mitglieder votierten mit "Ja", fast schon ein "Ost-Ergebnis", unkte Theaterregisseur Tragelehn.Aber selbst wenn der PEN-Ost im April in gleicher Weise entschied, heißt das nicht, daß damit die Diskussion abgeschlossen ist.Gut möglich, daß die West-Autoren im vereinigten PEN das versuchen, was die Ost-Kollegen vermieden: den Ausschluß des Genossen Köhler.Schwer im Magen liegt den Ost-Autoren, daß Darmstadt, der jetzige Standort West, künftig auch Sitz des vereinigten PEN sein soll.Trostpflaster wäre ein erstes gemeinsames Treffen in den Neuen Ländern, aber die sind so arm wie der PEN selbst, und Hessen offeriert finanzielle Unterstützung.Bis zum Herbst sollen alle juristischen und organisatorischen Hürden bewältigt sein.Dann hat der deutsche PEN vielleicht wieder die Kraft zu den eigentlichen Aufgaben: für kulturpolitische Auseinandersetzungen um einen Bundesbeauftragten für Kultur im föderalen Deutschland etwa; für medienpolitische Debatten und die Verteidigung des Worts in einer kommerzialisierten Bilderwelt, wie es der Eröffnungsabend anklingen ließ; und für das Engagement zugunsten verfolgter Autoren in aller Welt.

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