Zum 90. Geburtstag : Gisela May, die Stehauffrau

Witz, Strenge und ein unzerzausbarer Pagenkopf: Die Berliner Schauspielerin und Chanson-Sängerin Gisela May wird 90 Jahre alt.

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Berliner Bühnenstar: die Chansonsängerin Gisela May.
Berliner Bühnenstar: die Chansonsängerin Gisela May.Foto: dpa

Wie so eine charakterisieren? Eine, die Bertolt Brecht begegnet ist, von Hanns Eisler 1957 höchstselbst fürs Chanson entdeckt wurde, die in Berlin am Deutschen Theater, der Staatsoper, dem Theater des Westens, dem Metropoltheater oder der Komischen Oper spielte. Die Filmpreise, Kleinkunstpreise, Schallplattenpreise gehortet hat. Die auf Konzertbühnen von der New Yorker Carnegie Hall bis zur Mailänder Scala gefeiert wurde – quasi als einzig legitime Nachfolgerin von Lotte Lenya. Die 30 Jahre zum Berliner Ensemble gehörte und dort 13 Jahre die „Mutter Courage“ verkörpert hat. Die eine große, ja eine „die“ ist: Gisela May, Schauspielerin, Diseuse. Eben „die May“.

Vielleicht einfach einen Satz von ihr zitieren. Einen, den sie in einer ihrer zahllosen Rollen sagte. Nicht als Mutter Wolfen, als Minna von Barnhelm, Jenny Treibel oder als Dolly im Musical, sondern als schrullige Alte Rosa Müller- Graf-Kleditsch in der von 1993 bis 2007 gelaufenen Fernsehserie „Adelheid und ihre Mörder“: „Sag nicht immer Muddi zu mir!“ Von Filmtochter Evelyn Hamann als Hobbydetektivin Adelheid Möbius so lakonisch wie zuverlässig mit „In Ordnung, Muddi“ beantwortet. Ein running gag, der ganz nebenbei das komödiantische Talent der May offenbart. So viel Witz findet sich selten neben so viel Diseusen-Strenge. So viel Mut zur Banalität neben so viel Bühnennimbus. So fein gefältelte Züge unterm unzerzausbaren Pagenkopf.

90 Jahre alt wird sie heute, die May. Sie ist als Sächsin in Leipzig aufgewachsen und als Hessin am 31. Mai 1924 in Wetzlar geboren. Der Vater ist Kriegsgegner und SPD-Mitglied, die Mutter Mitglied der KPD, beide Nazi-Gegner, beide Theaterleute. Gisela May, die erst eine Haushalts- und dann noch während des Krieges die Schauspielschule besucht, wird später nicht von ungefähr die „First Lady des politischen Songs“. Der Weltstar aus der DDR ist keine willfährige, aber eine loyale Repräsentantin ihres Landes. Was sie nicht davon abhält, nach ihrer Ehescheidung und seiner Zuchthaushaft mit dem bei der SED in Ungnade gefallenen Philosophen Wolfgang Harich zusammenzuleben. Es schadet ihr nichts. Nichts schadet ihr. Auch in der Kunst kann Können immunisieren.

Als sie 1992 am Berliner Ensemble entlassen wird, erlebt sie das als Absturz, als Kränkung. Und zieht sich dann, Stehauffrau, die sie ist, am eigenen Pagenkopf wieder ins Rampenlicht. Mit Theaterengagements, Chansonabenden – längst nicht nur Brecht, sondern auch Kästner, Mehring, Hacks oder Brel – und obiger Fernsehrolle, die sie prompt auch im Westen populär macht. Als politische Künstlerin versteht Gisela May sich übrigens noch immer: Im Januar erst ist sie beim Jahresauftakt der Europäischen Linken in der Berliner Volksbühne aufgetreten. Lautstark bejubelt, was sonst.

Am 10. Juni feiert das Kino Babylon Mitte Gisela May mit einer Geburtstagshommage, voraussichtlich in Anwesenheit der Künstlerin (19.30 Uhr).

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