Kultur : Zum Abflug bereit

Die Frühjahrsauktionen der Villa Grisebach setzen auf die sechziger Jahre

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Versunken. 1913 malte August Macke „Drei Akte“ im Einklang mit der Natur. Foto: Grisebach
Versunken. 1913 malte August Macke „Drei Akte“ im Einklang mit der Natur. Foto: Grisebach

So heiter kann ein Memento mori sein. Das „Stillleben mit Ente und Schnepfen“ hat Ernst Ludwig Kirchner 1912 gemalt und acht Jahre später noch einmal überarbeitet. Einen Flügel des Erpels stutzte der passionierte Jäger malerisch und verlieh dem Gemälde so eine lebhafte Dynamik: Das Geschirr scheint von der Tischkante zu gleiten und das prachtvolle Federvieh zum Flug anzuheben.

Mit geschätzten 500 000-700 000 Euro steht die eigenwillige Komposition des Expressionisten an der Spitze der Frühjahrsauktionen in der Villa Grisebach. Fast 1300 Kunstwerke mit einer Mindesttaxe von 16 Millionen Euro sind ab heute zu besichtigen. Im Jahr seines 25. Jubiläums beeindruckt das Berliner Auktionshaus mit einer Fülle an spannungversprechender Kunst. Zwar gibt es im Vorfeld kein Millionenlos, dafür aber gleich zwei schwergewichtige Kollektionen: die Firmensammlung des ehemaligen Karstadt-Konzerns und die Privatsammlung des Modeunternehmers Dolf Selbach. Marktfrisch und museumsreif dürfte das eine oder andere Werk für Furore sorgen.

Den Auftakt der 80 Ausgewählten Werke macht Adolph Menzels um 1850 entstandenes Aquarell „Blumenpflückende Frauen“ mit 50 000-70 000 Euro; Matthias Weischers „Wand“ von 2003 (40 000-60 000 Euro) beschließt die exklusive Abendauktion. Herausragend im frühen 20. Jahrhundert sind Max Liebermanns „Biergarten“ (200 000-250 000 Euro) sowie August Mackes 1913 entstandene „Drei Akte“. Eine paradiesische Szenerie, gleichsam von großer Anmut und Klarheit, für die 350 000-450 000 Euro erwartet werden.

Wiewohl die Villa Grisebach – nicht zuletzt mit Werken von Hermann Max Pechstein, Lovis Corinth oder Georg Kolbe – ihrem Ruf als Haus der Klassischen Moderne alle Ehre macht, ist die Nachkriegskunst in diesem Frühjahr stark wie nie zuvor. Allen voran Ernst Wilhelm Nays „Chromatische Scheiben“ aus der Sammlung der Arcandor AG, ehemals Karstadt. Das in Größe und Farbrhythmus wahrlich imposante Exemplar der Scheibenbilder, die zwischen 1956 und 1962 die wohl wichtigste Phase des 1902 in Berlin geborenen Künstlers begründeten – kommt mit rekordverdächtigen 450 000 -600 000 Euro zum Aufruf. Ein Vorläufer der Scheibenbilder ist „Blaue und schwarze Punkte“ (250 000-350 000 Euro), einst ebenfalls im Karstadt-Besitz, aus dem insgesamt 114 Losnummern stammen. Acht davon kommen im Rahmen der Ausgewählten Werke zum Aufruf, die übrigen am Samstag bei der Kunst des 19.-21. Jahrhunderts. Der Kaufhauskonzern hat vor allem auf Zeitgenossen gesetzt. So wurde Norbert Krickes „Raumplastik“ (150 000-200 000 Euro) direkt beim Künstler erworben und Adolf Luthers unbetitelte Spiegelwand 1977 für die Essener Hauptverwaltung in Auftrag gegeben. Die sechsteilige Komposition vereint mit 448 Spiegeln und fast sechs Metern Breite die Wesenszüge von Luthers kinetischer, der Materie verpflichteten Kunst. Der 1912 geborene promovierte Jurist, der den Richterberuf 1957 aufgab, sah im Licht die „Seele der Natur“. Von Werkzeugen der Erkenntnistheorie spricht der Katalog. Die sind, bei aller Komplexität, faszinierend konkret (80 000-100 000 Euro).

Eine kleine Version - Adolf Luthers „Licht und Materie“ von 1969 - hatte auch Dolf Selbach in seiner Sammlung. So stringent der im letzten Jahr verstorbene Geschäftsmann war, so heterogen hat er gesammelt. Die voluminösen Menschenbildnisse Fernando Boteros auf der einen Seite, von denen neben zwei großformatigen Kohlezeichnungen des Kolumbianers ein Gemälde von 1982 mit 350 000-500 000 Euro zum Aufruf kommt. Auf der anderen Seite Serge Poliakoffs „Composition abstraite“ (200 000-300 000 Euro) oder ein 1956 entstandenes „Concetto spaziale“ von Lucio Fontana, das auf 300 000-500 000 Euro taxiert ist. Den insgesamt 71 Werken – darunter Sigmar Polke, Andy Warhol oder Günther Uecker – ist eine Sonderauktion gewidmet.

Den traditionellen Auftakt macht die Fotografie mit insgesamt 190 Losnummern. Darunter zwei Alben mit Porträts des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer sowie dessen Familie und Freunde, die als Konvolut für 25 000-30 000 Euro zum Aufruf kommen. Höhepunkte der zeitgenössischen Fotokunst sind Bernd und Hilla Bechers neun „Fördertürme, Schuylkill County, PA, USA“ sowie Hiroshi Sugimotos „Tri City Drive-In, San Bernadino“. für die jeweils 20 000-30 000 Euro erwartet werden.

Villa Grisebach, Fasanenstr. 25. Vorbesichtigung: bis 25.5., Sa-Di 10-18 Uhr, Mi 10-17 Uhr. Versteigerungen: Fotografie, 26.5., 15 Uhr /Sammlung Dolf Selbach, 27.5., 11 Uhr; /Ausgewählte Werke, 27.5., 17 Uhr / Kunst des 19.-21. Jahrhunderts, 28.5., 10 Uhr; Third Floor. Schätzwerte bis 3000 Euro, 28.5., 15.30 Uhr.

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