Kultur : Zum Tod des Kunstmäzens und Berliner Museumsgründers

Tilmann Buddensieg

Irgendwann in der Mitte eines ungemein erfolgreichen Lebens als Hamburger Kaufmann hat sich Karl H. Bröhan gefragt: Was mache ich jetzt? Die bloße Mehrung des Vermögens, ein Wohlleben im Luxus waren ihm nicht genug. Die Transfiguration des materiellen Gewinnes zum Wohle Aller war sein neues Ziel. Er zog 1963 nach Berlin und er begann, aus kleinsten Anfängen seine Leidenschaft für die "schönen Dinge" zu entwickeln. Zunächst auf dem kaum beachteten, überschaubaren Feld des Berliner Porzellans des 18. Jahrhunderts. 1970 trennte er sich von diesem Gesellenstück eines Sammlers, mit dem Verkauf an das Land Berlin. Im Belvedere des Charlottenburger Schlosses hat der Schatz eine ideale Bleibe gefunden.

Nun setzte sich Bröhan weiter und tiefer reichende Ziele. Er wollte unbekanntere Bereiche der angewandten Kunst, der Gebrauchskünste, der Kunst im Leben erforschen und, wie Zarathustra, "die Dinge zum ersten Mal sehen", nichts geringeres als "das Neusetzen des Wertes der Dinge" erreichen. Die Jugendstilausstellung des Kunstgewerbemuseums von Wolfgang Scheffler von 1966 half, die Aufgaben zu erkennen. Die breite Erforschung des Jugendstils seit Gerhard Botts Darmstädter Katalog von 1965 wurde von Bröhan unternehmerisch genutzt, umgesetzt und als Gewinn vermehrter Ernte eingefahren.

Den bis ans Lebensende bleibenden Impuls des Sammelns hat Bröhan selbst beschrieben. 1960 habe er auf einer Dienstreise eine KPM-Vase erworben, "um unser häusliches Ambiente zu schmücken", wieder Zarathustras Rat folgend, "stellt kleine, gute, vollkommene Dinge um euch... deren goldene Reife heilt das Herz. Vollkommenes lehrt hoffen."

Doch bald quollen die Vitrinen über und die Borte waren voll. So richtete der Sammler 1972 eine Dahlemer Villa als subtile Mischung aus geschmackvoller Wohnung und intimem Museum ein. Schnell waren auch deren Raumgrenzen gefüllt. Denn Bröhan erwarb ganze Bereiche des internationalen Jugendstils nach der etwas widersprüchlichen Formel: "Alles vom Besten." Diese regelrecht unternehmerische Strategie der Einverleibung strebte nun nach einem eigenen öffentlichen Museum. 1982 gelangte die Sammlung als Geschenk an das Land Berlin. Eine Stiftung machte Professor Karl H. Bröhan zum Museumsdirektor und führte zum Unterhalt des Bröhan-Museums als eines "Landesmuseums für Jugendstil, Art Déco und Funktionalismus".

Seit dem Katalog des Berliner Kunstgewerbemuseums über die Art Déco-Neuerwerbungen von 1970/71 bereicherte Bröhan seine Sammlung mit erlesenen Meisterwerken des französischen Art Déco, vor allem mit den Möbeln von Jacques-Emile Ruhlmann, deren Preise kein öffentliches Museum in Deutschland aufbringen konnte.

Im Bereich des Porzellans, sodann in seiner bahnbrechenden Ausstellung von 1990 über "Metallkunst" entdeckte Bröhan auch den Funktionalismus der 20er und 30er Jahre, in scharfer Abgrenzung gegen Bauhaus und Industrie-Design. So sehr Bröhan die Manufakturen interessierten, so waren es im Grunde immer die Künstler als Schöpfer von Einzelstücken und Kleinserien, die ihm ans Herz gewachsen waren. "Fabrikware" und anonymes Industriedesign lagen ihm nicht.

Neben dem Wachstum der Sammlungen, auch im Bereich der Berliner Sezessionsmalerei, und der klugen administrativen Konstruktion seines Museums, muss als dritte Lebensleistung Karl H. Bröhans das umfassende wissenschaftliche Werk der Katalogisierung seiner Sammlung genannt werden. Der Aufbau einer stupenden Fachbibliothek ermöglichte ihm und nie mehr als drei Mitarbeitern eine Erschließung der Literatur und der Quellen, die die Objekte des Museums in den Gesamtbereich der Materialgattungen, der produzierenden Manufakturen und der entwerfenden Künstler einzufügen vermochte.

Das wohlgeordnete und vollendete Lebenswerk Karl H. Bröhans war mitgetragen von Frau Margrit Bröhan und ihrem ganz selbständigen Interesse an der Kunst, von der Familie und einem sehr großen Freundeskreis, der viele Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik umfasste.

Es ist betrüblich, wenn nicht beschämend, dass die Profession der akademischen Kunstgeschichte Karl H. Bröhan den mehr als andere Orden und Ehrungen erhofften und verdienten Doktortitel h.c. nicht verliehen hat. Versuche in Bonn und Berlin scheiterten schon im Vorfeld. Der "Unternehmer" als "Sammler" von "Kunstgewerbe", - das interessiert an den Lehrstühlen weniger als Bild- und Bautheorie.

Aber der Ruhm dieser unvergleichlichen Sammlung wird wachsen, die "goldene Reife" ihrer "vollkommenen Dinge" wird für die vielen Besucher aus aller Welt immer wieder eine "Augen-Wunderweide" (Nietzsche, Lieder des Prinzen Vogelfrei) sein. Karl H. Bröhan verstarb im 78. Lebensjahr am 2. Januar 2000.

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