Zum Tod von Michael Kewenig : Anwalt der Schönheit

Vor vier Jahren zog eine der wichtigsten deutschen Galerien von Köln nach Berlin - nun ist Michael Kewenig gestorben.

von und Christiane Meixner
Michael Kewenig
Michael KewenigFoto: Galerie Kewenig

Was fehlt, wird man erst allmählich merken. Als Jule und Michael Kewenig den Hauptsitz ihrer Galerie vor vier Jahren von Köln nach Berlin verlegten, war das ein Donnerschlag. Zuvor zählte Kewenig zu den rheinländischen Institutionen, die Galerie wuchs seit Mitte der 80er Jahre mit Stars wie James Lee Byars, Jannis Kounellis oder Hanne Darboven. Der Nachhall des Umzugs geriet schon etwas leiser, weil die Galerie mit der Brüderstraße in Mitte eine Adresse hatte, die mancher bis heute nicht findet: ein zwischen DDR-Plattenbauten verstecktes Barockhaus.

Michael Kewenig war ein bedingungsloser Ästhet

Wer dann aber vor jenem architektonischen Juwel steht, der ahnt die jüngeren Verdienste von Michael Kewenig. Er ließ aus dem vernachlässigten Palais Happe in engster Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz erneut jenes Bürgerhaus erstehe, das hier einst strahlte. Kewenig rang um jedes Detail, von der Türklinke über die Wandfarben bis zur hölzernen Treppe. Der Galerist, der am Ostermontag völlig unerwartet mit 68 Jahren gestorben ist, war ein bedingungsloser Ästhet. Das galt für seine Umgebung wie für die Ausstellungen, die er ab Herbst 2013 im restaurierten Gebäude eröffnet hat, während Jule Kewenig parallel die Dependance auf Mallorca führte.

Es gab große Soloschauen mit international renommierten Künstlern wie Christian Boltanski, Bertrand Lavier, William Kentridge oder Sean Scully. Schon dieses Quartett macht klar, was die Kewenigs nach Berlin gebracht haben: ein Programm, das sich nicht mehr beweisen muss. In einer auf junge und jüngste Künstler konzentrierten Stadt gibt es mit dieser Galerie einen Ort, an dem eine Familie von Kunsthändlern Ausstellungen vom Niveau eines Kunstvereins oder eines Museums realisiert. Vergleichbares gibt es noch im Hause Bastian und in einigen wenigen weiteren Galerien.

Die Galerie wuchs mit ihren Künstlern, fast alle sind heute Stars

Das verwaiste Palais, lässt die Galerie wissen, übernimmt nun Kewenigs Sohn Justus, der seit einigen Jahren mitwirkt. Das ist tröstlich, wird aber nicht dasselbe sein. Michael Kewenig war auf seine Art einzigartig. Der gebürtige Rheinländer studierte Jura und arbeitete als Anwalt, begann dann aber doch bei dem renommierten Galeristen Rudolf Zwirner. 1986 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Jule nahe Köln eine eigene Galerie, die sich auf italienische Arte Povera und Konzeptkunst spezialisierte. 2004 eröffnete das erfolgreiche Duo die Zweigstelle auf Mallorca.

Den Künstlern hielt man auch dann die Treue, wenn sie wie Ian Hamilton Finlay über die Jahre an Sichtbarkeit einbüßten. Vergangenen Herbst eröffnete Michael Kewenig in seinem Haus eine Ausstellung, die dem Documenta-Teilnehmer von 1987 gewidmet war. „Finlay kauft momentan keiner“, sagte er nach der Eröffnung in einem launigen Moment. „Aber für mich ist es wichtig, die Arbeiten einmal wieder in ihrer Schönheit zu sehen. Und vielleicht gefällt sie Ihnen auch.“ Den Galeristen mit dem Schöngeist zu verbinden und beides zu leben, das gelingt nur wenigen. Michael Kewenig vermochte es.

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