Kultur : Zum Verwechseln

UWE FRIEDRICH

Der russische Pianist Igor Shukov betritt das Podium und beginnt einfach zu spielen.Laut Programm handelt es sich jeweils um die zweite und dritte Sonate von Alexander Skrjabin und Frédéric Chopin, in Shukovs Spiel lassen sich jedoch keine Unterschiede zwischen den beiden Komponisten entdecken.Alle 14 Einzelsätze werden so unterschiedslos heruntergedonnert, daß gelegentlich Verwirrung auftritt: Sind wir nun noch im letzten Satz der Skrjabin - oder bereits im ersten Satz der Chopin-Sonate?

Shukov wird als letzter Vertreter der russischen Klavierschule, als Schüler von Emil Gilels vermarktet.Dieser Wegweiser führt in die Irre, denn es geht ihm offenbar nicht um die subtile Klangfarbenmalerei oder das verinnerlichte Spiel, für das sein Lehrer berühmt ist.Viel näher ist Shukov die kraftvolle Komponente.Chopin und Skrjabin kommen als rauhe Gesellen daher.

Obwohl ein gern gepflegtes Vorurteil vom Improvisatorischen in Chopins Kompositionen spricht, gibt es weder in seinen Werken noch in denen seines Schülers Skrjabin Zufälligkeiten.Shukov hingegen läßt alle vier Sonaten in belanglose Einzelteile zerfallen.Musikalische Linien enden im Ungefähren eines Trillers oder verläppern im Irgendwie, werden jedenfalls nie wieder aufgenommen.Eine übergeordnete Idee, eine Werkstruktur, die innere Notwendigkeit der Sonatensatzform, all das interessiert Shukov nicht.Zudem bewegen sich sowohl sein dynamisches wie sein Klangfarbenspektrum lediglich zwischen Hämmern und Meißeln, selbst leise Passagen bleiben im soliden Mezzoforte gefangen.Unter diesen Abbrucharbeiten zerbröseln die filigranen Werke rasch.Gewiß, Shukov erreicht mit seinem betont rabiaten Spiel einige verblüffende Effekte, warum er aber dafür ausgerechnet Skrjabin und Chopin zur Vorlage nimmt, kann der Pianist in keiner Sekunde deutlich machen.

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