Kultur : Zunge zeigen

Krieg ist überall: Dea Lohers „War Zone“ im Studio des Berliner Maxim Gorki Theaters

Christine Wahl

Sechs Menschen hüpfen im Kreis über die Bühne und lassen dabei entweder die Zunge aus dem Mundwinkel hängen oder schütteln dem Publikum ihre Gliedmaßen entgegen. Nein, wir befinden uns nicht in einem kontakttherapeutischen Selbstentfesselungsseminar, sondern in der Uraufführung von Dea Lohers „War Zone“ im Studio des Maxim Gorki Theaters Berlin. Lohers Text, der den Krieg aus der Sicht von Elite-Soldaten, flüchtenden Zivilisten oder weinend vor ihren niedergebrannten Häusern stehenden Männern spiegelt, entstand vor einigen Jahren zunächst als Hörspiel.

Kriegsgebiet, scheint sich nun der junge Regisseur Matthias Huhn, ein ehemaliger Assistent des Gorki-Intendanten Armin Petras, bei seiner Theateradaption gedacht zu haben, ist überall. Auch auf dem lauschigen Balkon in Mitte oder Köpenick. Jedenfalls kam er auf die Idee, sechs theaterfremde Berliner Bürger in gelbe Havarie-Westen zu stecken, einer Choreografin anzuvertrauen und ihren Alltag mit Lohers Momentaufnahmen aus dem Kriegsgebiet zu konfrontieren. Sie war nicht gut, diese Idee.

Drei uniformierte Profi-Schauspieler (Ingolf Müller-Beck, Felix von Hugo und Frank Wiegard), denen man offenbar die Regieanweisung gegeben hatte, ihren Text vom „letzten Marsch“ so emotionslos wie möglich zu sprechen, verwechseln Neutralität mit Deklamation und heben an: „Blut in den Schuhen. Wir essen unsere Fingernägel, wir halluzinieren vor Hunger“. Sofern sie dabei nicht einfach auf der Stelle stehen, machen sie ein paar Liegestütze. Man lernt diesen Huhn`schen Kunstgriff im Laufe des Abends durchaus schätzen. Die mit der Erarbeitung der Tanzszenen betraute Kollegin Lara Kugelmann hat nämlich genau den entgegengesetzten Weg eingeschlagen und den Alltag der drei Laiendarsteller so verfremdet, dass man froh ist, zwischen lauter Schüttel- und Kniefederschritt-Choreografien immer mal wieder klar gesagt zu bekommen, was hier eigentlich stattfindet. Zum Beispiel „War Zone“ zu Hause bei Herrn Müller-Schulze-Lehmann: „Die Ameisen auf meinem Balkon", gesteht ein Freizeitschauspieler, „zertrete ich“. Oder „War Zone“ auf dem Arbeitsmarkt: Ein ergrauter Berliner Arbeitsuchender verliest sein Bewerbungsschreiben um einen Verkaufsjob in der Baubranche und preist sich als ideale „Mischung aus Power, Seriosität und meinem Alter von 55 Jahren“ an.

Was ursprünglich als Aufarbeitung von Gewaltstrukturen gedacht gewesen sein mag, präsentiert sich als einzige Peinlichkeit. Huhns zertretene Ameisen und abgeschmetterten Bewerbungen wirken im Kontext ziviler Flüchtlinge, die unterwegs ihre bettlägerigen Verwandten erschlagen müssen, um wenigstens sich selbst und ihren Kindern eine Überlebenschance zu erhalten, im besten Falle albern, im schlimmsten unverantwortlich dumm. Die Arbeit mit den Laien rangiert bei Huhn und Kugelmann auf einem derart beschämenden Niveau, dass man von einem kollektiven Aufatmen sprechen kann, wenn die Akteure wie die kreisförmig um die Spielfläche arrangierten Zuschauer nach neunzig Minuten erlöst sind.

Die unmittelbare Auseinandersetzung mit eher theaterfremden Schichten ist einer der Schwerpunkte in Armin Petras’ Gesamtkonzept fürs Gorki. Gruppen wie Rimini Protokoll, die seit Jahren auf hohem inhaltlichem wie ästhetischem Niveau mit sogenannten „Alltagsspezialisten“ arbeiten und letztes Jahr wiederholt beim Theatertreffen vertreten waren, haben das Potenzial solcher dokumentarischer Ansätze gezeigt. Huhn mag nach diesem Vorbild geschielt, nur dabei leider verkannt haben, dass diese Methode eher mehr als weniger Sorgfalt, Recherche, Fingerspitzengefühl und konzeptionellen Blick erfordert. Dass sich ein paar Hobbyschauspieler neben ein am Boden liegendes Vergewaltigungsopfer (Anika Baumann) stellen und zum Besten geben, wie sie sich morgens um sieben die Zähne putzen, reicht da eben nicht.

Umso schlimmer, dass Huhn mit Lohers bis aufs Finale verhältnismäßig realistischem Text nicht viel mehr anzufangen weiß, als ihn schlecht deklamieren zu lassen. Das Höchstmaß an Abstraktion: ein von Ellen Schlootz gespielter Teenie, der sich ein Johnny-Depp-Poster an die Wand pinnt, es abküsst und zu einer Art Über-Ich mutiert. Loher, die bei Heiner Müller szenisches Schreiben studierte, versucht sich hier wenig überzeugend an einer universellen Schuldfrage im Duktus der „Hamletmaschine“: „Ich bin die Ruhe des Rausches. Ich bin das Ende der Zeit. Ich bin das Auferstehen des Fleisches.“ Und: „Ich bin der Gedanke, der euch umgibt.“ Schön wär’s!

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