Kultur : Zur Hölle mit den Fahnenkonservativen!

Norman Mailer, der große alte Herr der US-Literatur, wird heute 80. Ein Gespräch über Terroristen und Christen, George W. Bush und den Krieg

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Mister Mailer, befürchten Sie ein weiteres Erstarken der Staatsmacht USA, gar einen amerikanischen Totalitarismus?

Ich war noch nie so besorgt wie heute. Reden wir über den Irak. Ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass es zu den IrakPlänen der Regierung einen Subtext gibt. Vor einiger Zeit wurde behauptet, der Irak stelle eine nukleare Bedrohung dar. Inzwischen ist klar, dass das nicht der Fall ist. Daraufhin begannen Bush und seine Leute, die massive Gefahr eines biochemischen Angriffs auf die USA an die Wand zu malen. Bislang ist aber noch nicht bewiesen worden, dass der Irak zu einem solchen Schlag auch imstande wäre. Und dann hieß es: Der Irak bietet Terroristen Unterschlupf. Wenn ich Saddam Hussein wäre, dann wären ausländische Terroristen das Letzte, was ich in meinem Land dulden würde, denn ich will ja die totale Herrschaft. Wenn ich allerdings ein Terrorist wäre, unterwegs mit der Untergrundbahn, die, wie ich vermute, von Pakistan über Iran verläuft und quer durch den Irak nach Syrien, Jordanien und Libanon und Palästina, dann wäre der schlimmste Ort auf dieser Strecke der Irak. Dort würde man mich wahrscheinlich in ein Lager stecken.

Warum will das Weiße Haus Ihrer Meinung nach diesen Krieg denn führen?

Ein Motiv könnte der Zugang zu Erdöl sein, aber reicht das aus angesichts der unvorhersehbaren und enormen Gefahren eines solchen Krieges? Dann las ich Jay Bookmans Artikel, der im „Atlanta Journal-Constitution“ erschienen ist. Bookman beschreibt, dass alle Leute fragen, warum es keinen Plan gibt, was mit dem Irak nach einem gewonnenen Krieg geschehen soll. Er selbst geht davon aus, dass ein solcher Plan schon längst existiert. Wir werden den Irak besetzen, und zwar für lange Zeit. So wird der Sinn des ganzen Unternehmens auf einmal erkennbar. Es bedeutet nämlich, dass wir am Beginn der amerikanischen Weltherrschaft stehen.

Die Weltherrschaft?

Als die Sowjetunion zusammenbrach, sahen Amerikas Konservative darin die Gelegenheit, die Weltherrschaft zu ergreifen. Und sie regten sich furchtbar auf, als Clinton gewählt wurde. Er war ja auch deswegen so unbeliebt, weil er ihre politischen Bestrebungen vereitelte. Diese günstige Gelegenheit, die Weltherrschaft an sich zu reißen, verstrich 1992 ungenutzt. Zu welchem Hass auf Clinton das geführt hat!

Und nun?

Sollte Amerika das moderne Äquivalent des Römischen Imperiums werden, dann müssen ganze Generationen her, die überall auf der Welt als Soldaten eingesetzt werden können. Man wird wieder Wert auf Schulbildung legen. Amerikaner, die bekannt sind für ihr Unvermögen, fremde Sprachen zu sprechen, werden plötzlich angehalten, Sprachen zu lernen, damit sie in Übersee imperiale Aufgaben wahrnehmen können.

Welche Hoffnungen verbinden sich damit?

Viele Leute betrachten die Vorstellung von einem Weltreich als Möglichkeit, Schuld loszuwerden. Ich glaube, dass es im Leben der Amerikaner ungeheuer viele Schuldgefühle gibt. Ich selbst kann bis zu meiner Militärzeit im Zweiten Weltkrieg zurückgehen. Wir waren damals überzeugt, dass wir nach dem Krieg in ein wirtschaftlich darnieder liegendes Land zurückkehren würden. Wir GIs waren darüber sehr verbittert und fühlten uns wohl in unserer Verbitterung. Wir würden vielleicht das Leben verlieren, aber wenn wir überlebten, würden wir zu Hause eine Wirtschaftskrise vorfinden. Toll! Aber dann kehrten wir heim, und es gab einen Aufschwung im Land. Viele Amerikaner freuten sich über ihren Wohlstand, insgeheim fühlten sie sich aber auch schuldig. Warum? Wir sind eine christliche Nation; das „Jüdische“ in dem Jüdisch-Christlichen ist ja nur Verzierung. Als Christ hat man die Vorstellung, dass man nicht so furchtbar reich sein darf. Das gefällt Gott nicht, und Jesus schon gar nicht. Man durfte kein Geld anhäufen, sondern hatte altruistisch zu sein. Das war die eine Hälfte der kollektiven Psyche. Die andere Hälfte besagte: Schlag alle deine Konkurrenten, denn du musst gewinnen. Jesus und Evil Knievel passen wirklich nicht gut zusammen.

Sie haben sich früher als Anarchisten gesehen? Wo stehen Sie heute politisch?

Meinen politischen Standpunkt würde ich als linkskonservativ bezeichnen. Auf den ersten Blick ist es ein Widerspruch, aber für mich hat er einen bestimmten Inhalt. Es gibt einige übrig gebliebene Elemente linker Politik, die mir bewahrenswert erscheinen.

Zum Beispiel?

Der Gedanke, dass ein Reicher nicht das Viertausendfache eines Armen verdienen sollte. Allerdings bin ich auch kein Liberaler. Die Vorstellung, der Mensch sei ein rationales Wesen, das bei schwierigen Problemen immer zu vernünftigen Lösungen findet, überzeugt mich nicht. Der Liberalismus gründet viel zu sehr auf einer optimistischen Sicht der menschlichen Natur. Wenn man mit normalen Liberalen über Gott diskutiert, wird einem das Gefühl vermittelt, als wäre man nicht ganz dicht. Ich bin eben ein religiöser Mensch, weil ich glaube, dass es einen Schöpfer gibt, der seine Hand im Spiel hat und gefährdet ist. Ich glaube auch, dass es einen Teufel in unserem Leben gibt, der allzu oft genauso erfolgreich tätig ist.

Deshalb können Sie kein Liberaler sein?

Für einen Liberalen ist Gott schon schlimm genug. Aber sobald man über den Teufel spricht, ist er mit seinem Verständnis schnell am Ende. Andererseits hat der Konservatismus seine eigenen Fallgruben und unüberwindlichen Barrieren. In Amerika gibt es jetzt zwei Arten von Konservativen: die Wertkonservativen, die an die konservativen Grundwerte glauben – Familie, Heim, Glaube, Arbeit, Pflichtbewusstsein, Loyalität, also zuverlässige menschliche Werte – ,und die Fahnenkonservativen. Die Mitglieder der gegenwärtigen Regierung sind typische Vertreter der zweiten Richtung.

Was verstehen Sie denn unter Fahnenkonservativen?

Sie scheren sich einen Dreck um konservative Wert e. Sie verwenden die Wörter. Sie verwenden natürlich die Fahne. Besonders gern verwenden sie Begriffe wie „das Böse“. Diese Fahnenkonservativen sind ja keine Verrückten. Sie gehen die Dinge sehr logisch an. Ich teile diese Logik nicht, aber sie ist sehr mächtig. Aus der Sicht dieser Leute geht es mit Amerika bergab. Die Unterhaltungsindustrie ist viel zu locker und sittenlos. Die Kinder können nicht lesen, aber sexuell wissen sie Bescheid. Wenn Amerika wieder eine gigantische Militärmacht wird, dann wird wohl oder übel Schluss sein mit der sexuellen Freizügigkeit in Amerika.

Und welche Rolle spielt in diesem Szenario der 11. September?

Es gibt ja so etwas wie glückliche Fügungen . Ohne den 11. September würde die Regierung jetzt nicht den Irakkrieg forcieren. Das Interesse der Medien würde der miserablen wirtschaftlichen Lage gelten, dem Anstieg der Arbeitslosigkeit, den Skandalen in Kirche und Unternehmen, den Serienmördern in den Schulen, den alten und neuen Drogen.

Gibt es den Kampf der Kulturen tatsächlich, der, wenn er ernsthaft geführt wird, für die Supermacht Amerika nichts Gutes verheißt?

Für einen radikalen Muslim ist Amerika der Satan schlechthin, und dieser Krieg wird auf Leben oder Tod geführt. Ich glaube aber nicht, dass wir ein Weltimperium errichten müssen, um der muslimischen Empörung Herr zu werden. Abgesehen von allem anderen – wie lange bräuchten islamische Extremisten, um uns zu vernichten? Hundert Jahre? Hundert Jahre systematischer Terrorismus? Fünfzig Jahre? So lange wird ihr Zorn nicht anhalten. Geschichtliche Stimmungen wandeln sich.

Das haben inzwischen auch die Konservativen bemerkt.

Ja, sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass es in Amerika Widerstand gibt und auch Frankreich, Deutschland sowie Russland Kritik üben, ebenso China, Japan und viele andere Länder. So unbeteiligt konnten die Leute im Weißen Haus nicht tun. Diesen ersten großen Schritt werden sie vielleicht nicht schaffen. Waren sie wirklich bereit, dies ganz allein durchzuziehen? Einige in Washington, die anfangs dafür waren, wurden vielleicht verunsichert. Andere haben gesagt, dass man es einfach machen muss, und basta. Für Waschlappen ist kein Platz an Bord!

Und welche Rolle spielt bei alledem Bush?

Bush ist kein besonders heller Kopf, aber er verfügt über das, was Ernest Hemingway einen „Bullshit-Detector“ genannt hat. Er hat, genau wie Reagan, keine eigenen Ideen, aber er hört auf seine Experten.

In den Zeitschriften der amerikanischen Rechten wird der Islam oft als böse, bekämpfenswerte Religion bezeichnet. Wie sehen Sie den Islam?

Zunächst einmal: Fahnenkonservative sind keine Christen. Sie sind bestenfalls militante Christen, was natürlich ein Widerspruch in sich ist. Das Christentum gründet auf Mitleid. Die gleiche Anomalie gilt für die Muslime. Theoretisch ist der Islam eine egalitäre Religion. Im Islam ist jeder vor Gott gleich, aber die Realität sieht völlig anders aus. Die Haltung vieler arabischer Politiker, die auf die arme Bevölkerung herabblicken, ist das genaue Gegenstück zu unserem christlichen Verständnis.

Trotzdem scheint es in gewisser Weise um einen Religionskrieg zu gehen.

Wir sprechen von einem Krieg zwischen zwei instabilen, unauthentischen Religionen. Es könnte ein gigantischer Krieg werden. Im Kern geht es um einen riesigen Machtkonflikt, und beide Seiten führen Scheinmotive ins Feld. Meine große Sorge ist, daß wir dieses Jahrhundert nicht überstehen. Vielleicht bricht – Stück für Stück, nach immer neuen kleinen und großen Katastrophen – am Ende alles zusammen.

Der Konflikt zwischen Kommunismus und Kapitalismus scheint demgegenüber sehr viel rationaler gewesen zu sein.

Im Nachhinein kann man sagen, dass er gewissermaßen logisch war. Kapitalismus und Kommunismus hatten eindeutige, entgegengesetzte Ziele, aber keine der beiden Seiten war bereit, die Welt zu vernichten.

Fortsetzung Seite 26

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