Kultur : Zur Hölle mit den weißen Häusern

„Bullet Park“: John Cheever erkundet einen fiktiven Vorort von New York

Meike Feßmann

Dieser Roman wird Unruhe stiften, im Kopf des Lesers und in der Welt, die er entwirft, das spürt man gleich auf der ersten Seite, noch während der Erzähler seine Energie sammelt, die er auf einem kleinen Bahnhof konzentriert. Es ist der Bahnhof von Bullet Park, einem fiktiven Vorort von New York in den 60er Jahren. Im Fluss hinter dem Bahnsteig spiegelt sich ein düsteres Abendrot, das Gebäude, obwohl leicht gebaut wie ein Sommerhaus, wirkt schwermütig, die Lampen brennen mit „geradezu greifbarer Traurigkeit“.

Einen erwachenden Fahrgast sollen wir uns vorstellen, in einem Zug, mitten in der Nacht, und ein Kind auf den Schultern eines weinenden Mannes am Bahnsteig. Und während wir das lesen und nicht wissen, wo wir sind, nimmt die Passage eine unerwartete Wendung. Sie schwingt sich zu einer kleinen Hymne auf, die das Glück besingt und die einzigartige Weite der amerikanischen Landschaft: „Das ist dein Land – einzigartig, geheimnisvoll, unermesslich. Dieses Gefühl überkommt einen weder in Flugzeugen noch auf Flughäfen oder in den Zügen anderer Länder.“

Lasst alle Hoffnung fahren und glaubt dennoch an das Glück, könnte über dem Eingangsportal dieses den amerikanischen Traum zugleich feiernden und demontierenden Romans stehen, der 1969 im Original erschienen ist und nun in einer kraftvollen Neuübersetzung von Thomas Gunkel vorliegt. Sorgsam aktualisiert, aber nicht forciert, lässt sie das Brodeln spüren, das unter der Oberfläche dieser Prosa lauert, während sie im Ton beiläufiger Nüchternheit die erste Hauptfigur auf dem Bahnsteig absetzt. Paul Hammer will sich ein Haus in Bullet Park kaufen. Und während der Immobilienmakler die Vorzüge des Vororts preist, beginnt die Stimme des Erzählers zu changieren. Gerade noch behauptet sie, dass die Bewohner gerne so tun, als seien sie „schon immer an diesem Ort fest verwurzelt gewesen“, da geht sie schon in eine wüste Tirade über, die alles zur Hölle wünscht, was sich gerade vor unseren Augen aufbaut: „Zur Hölle mit den hellen Lichtern, bei denen niemand liest, zur Hölle mit der ständigen Musik, die niemand hört, (...) zur Hölle mit den weißen Häusern, die bis zur Dachrinne mit Hypotheken belastet sind.“ So sähe die Stadt in den Augen eines Jugendlichen aus, der hitzig und rachsüchtig durch die Gegend zieht.

Alles ist Perspektive in diesem Roman, ohne dass man jemals den Eindruck artistischer Mätzchen hätte. John Cheever, 1912 in Massachusetts geboren und 1982 auf der Höhe seines Ruhms gestorben, wird oft mit dem etwas jüngeren Richard Yates verglichen, dem anderen bissigen Porträtisten der amerikanischen Vorstadt, der ebenfalls Alkoholiker war und sich nicht wie er in den letzten Jahren seines Lebens von der Sucht befreien konnte. Doch sein Blick für die Entwicklungen der Moderne ist schärfer, die Amplituden seines Erzählens schwingen weiter und härter aus. Seine Figuren werden von zwischenmenschlichen Konflikten zerrissen, sie leben im permanenten Stresstest der Modernisierung. Ihre Körper und Seelen kommen nicht zur Ruhe, wie Pakete werden sie durch die Welt geschickt, in Zügen, Autos, Flugzeugen. Sie brauchen Aufputsch- und Betäubungsmittel, Unmengen von Alkohol und Psychopharmaka, zu jeder Stunde und bei jeder Gelegenheit: um aus dem Bett zu kommen, um die Zugfahrt nach New York zu überstehen, um sich überhaupt auf die Straße zu trauen und erst recht, um zu entspannen.

Zwei Männer-Biografien lässt der Roman aufeinanderprallen: eher ruhig und geordnet die eine, nämlich die von Eliot Nailles, der schon lange in Bullet Park lebt und ganz in der Liebe zu Frau und Sohn aufgeht, und in irrwitziger Komprimierung die andere, die jenes Paul Hammer, den wir am Anfang ankommen sehen. Ob Nelly Nailles, die gerne mit ihrem Mann schläft und nur aus Zufall, und nicht wie er aus Neigung, monogam lebt, bei einem abendlichen Theaterbesuch von obszönen Plakaten demonstrierender Studenten verschreckt wird, ob Tony, der siebzehnjährige Sohn, nach einem Streit mit dem Vater wochenlang nicht aufstehen kann und die „Ermutigung“ eines Wunderheilers braucht, oder ob Eliot jeden Zug in panischer Angst verlässt, wenn er auf der Fahrt zur Arbeit nicht genügend zugedröhnt ist: Die Probleme im Hause Nailles sind bewältigbar.

Anders verhält es sich bei seinem Antagonisten, der nicht umsonst Paul Hammer heißt. Er ist eigens deshalb mit seiner Frau, einer eiskalten Hysterikerin, nach Bullet Park gezogen, um das Leben von Eliot Nailles in Stücke zu hauen. In einer Zeitschrift hat er zufällig ein kurzes Porträt über ihn gelesen und voller Neid auf dessen Familienglück beschlossen, es zu zerstören. Davon erfahren wir erst spät, in einer der abenteuerlich komprimierten Erzählschleifen des zweiten Teils, der aus seinem Leben berichtet. Dort geht die auktoriale Vielstimmigkeit in den harten Sound einer hämmernden Ich-Erzählung über. Paul Hammer, uneheliches Kind eines Salon-Marxisten und einer linken Kleptomanin, hat es auf der Suche nach Heimat ruhelos um den Globus getrieben. Bis seine in Europa lebende Mutter ihn eines Tages auf die Idee bringt, man müsste, als Protest gegen die Bigotterie Amerikas, einen typischen Bewohner der Vorstadt ans Kreuz nageln.

Alles ist ambivalent in diesem Roman (selbst die Nikotinsucht, die hier tatsächlich Leben retten kann), unterhöhlt von einer Ruhelosigkeit, die sicher auch mit Cheevers lange verdrängter Bisexualität zu tun hat, aber mehr noch mit der seltsamen Spannung zwischen den verschiedenen Elementen der Narration. Wie kleine Springteufel umschwirren einprägsame Details den Bogen der Dramaturgie und versetzen ihn in hypernervöse Überspannung. Jede Beobachtung hat einen analytischen Kern, etwa wenn Cheever die ergreifende Verlorenheit von Menschen beschreibt, die vor lauter Erschöpfung in Zügen einschlafen, oder wenn er die Lüsternheit erfasst, mit der man im Briefkasten herumtastet, auf der Suche nach einer „Verbindung zur stürmischen Welt“.

Weil keine Beschreibung nur Ornament ist, fehlt „Bullet Park“, wie der Roman im Original heißt, jeder Retro-Charme. Der Vergleich mit der Fernsehserie „Mad Men“, mit dem DuMont wirbt, geht an seiner Eigentümlichkeit vorbei. John Cheever, dieser auf schroffe Weise großartige Autor, vereint in seinem Werk die ganze Bandbreite amerikanischen Erzählens, von der Shortstory bis hin zu Suspense und Paranoia. Die Romane „Die Geschichte der Wapshots“ und der „Wapshot-Skandal“ liegen bereits in Thomas Gunkels neuer Übersetzung vor, ebenso der Kurzgeschichtenband „Der Schwimmer“. Weitere Werke sind geplant.

Schön wäre es, wenn neben Cheevers Tagebüchern irgendwann auch die Briefe sowie Blake Baileys Biografie auf Deutsch zu lesen wären. Der unglücklichen Ehe mit seiner Frau Mary hat John Cheever in „Die Lichter von Bullet Park“ einen skurrilen kleinen Altar gebaut: „Nailles behauptete, kein abergläubischer Mensch zu sein, doch er glaubte an die geheimnisvolle Macht der Namen. Beispielsweise, dass bei Ehepaaren, die John und Mary hießen, keine Scheidung vorstellbar sei. In Freud und Leid, in Wahnsinn und Vernunft seien sie durch die Schlichtheit ihrer Namen auf immer und ewig verbunden.“ Tatsächlich hielt die Ehe der Cheevers bis zu seinem Tod.

John Cheever:

Die Lichter von Bullet Park. Roman. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. DuMont, Köln 2011. 255 Seiten, 19,90 €.

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