Kultur : Zurück in die Kindheit

Hans Jürgen Syberbergs „Nossendorf-Projekt“: eine Ausstellung in der Deutschen Kinemathek

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Der erste Blick in dieser Ausstellung fällt auf zwei Vitrinen. Darin finden sich Pinsel und Retouchierbesteck von Hans Jürgen Syberbergs Vater, der nach dem Krieg und der Vertreibung der Familie von ihrem Gut im mecklenburgischen Nossendorf zunächst in Rostock eine Existenz als Fotograf versuchte. Syberberg hat von ihm die Leidenschaft für Filme und Fotos geerbt – und die Sehnsucht nach der verlorenen Zeit, dem verlorenen Land. Seit zehn Jahren ist er zurück und restauriert in Nossendorf die Stätte seiner Kindheit, die er zudem mit ununterbrochen laufenden Kameras zu seinem „Film nach dem Film“ gemacht hat (vgl. Tsp. vom 10. 11.).

Eine kleine Schneekugel, gleichfalls in der ersten Vitrine, enthält die Nachbildung des Guts und der Kirche von Nossendorf; eine Liliput-Version des ganzen „Projekts“. Doch spielt das Requisist auch auf Orson Welles an und eine ähnliche Kugel in „Citizen Kane“. Nicht zufällig entführt die zweite Vitrine nach Amerika und zeigt Syberberg mit Frau und Tochter und dem Kollegen Werner Herzog zu Hause bei Francis Ford Coppola in San Francisco.

Coppola gehörte neben Martin Scorcese und Susan Sontag zu den frühen Fans der Syberberg-Filme. Deswegen läuft ein Stockwerk tiefer am Info-Stand der Deutschen Kinemathek eine 10-Minuten-Doku des WDR rund um die von Coppola arrangierte New Yorker Premiere von Syberbergs „Hitler - ein Film aus Deutschland“ im Januar 1980. Der Film war dort ein Sensationserfolg. Trotz sieben Stunden Länge, trotz seines Spagats zwischen tragikomischem Kasperletheater und dunkeldeutschem Mythos.

Die kleine Berliner Ausstellung kann solche Spannungen und Provokationen nur andeuten. Sie beschränkt sich im Kern auf die Gegenüberstellung zweier gut einstündiger Filmausschnitte aus Syberbergs „Die Nacht“ (1985) und „Ein Traum, was sonst?“ (1994), in denen Edith Clever vor und nach dem Fall der Mauer, begleitet von Dichtung, Goebbelsstimmen, Ruinenbildern und weher Musik ein großes Requiem (re)zitiert.

Zwischen den Leinwänden steht ein Holzmodell des Kirchturms von Nossendorf, von der SED einst abgerissen, jetzt will ihn Syberberg wieder errichten. Die Wiederwerdung des eigenen Hauses ist auf mehreren Videoscreens zu verfolgen; doch die schönste Entdeckung sind die 16 Schwarzweißbilder des Rostocker Jugendfreundes und Fotografen Hans Pölkow, den Syberberg erst 1989 wiedergetroffen hatte. Die Fotos zeigen HJS in einer Serie mit Susan Sontag, mit Edith Clever – und in der Ost-Berliner Akademie Anfang der Neunziger mit Heiner Müller. Der schätzte in Syberberg den politisch nie ganz korrekten Spurensucher, Mythenerzähler und Geschichtsbesessenen: als Wahlverwandten.

„Das Nossendorf-Projekt“, Deutsche Kinemathek, Filmhaus am Potsdamer Platz 2, bis 8. 12. (Di-So 10 bis 18, Do bis 20 Uhr).

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