Kultur : ZURÜCK - KLASSIK

GREGOR DOTZAUER

Früher, als Hoch- und Popkultur einander noch feindlich gegenüberstanden, waren Friedenskonferenzen nötig."Rock meets Classic" hieß ihre musikalische Varianten oder "Classic meets Rock" - je nachdem, ob es den Rockern um den Beweis ging, daß sie ihre Instrumente auch anständig spielen konnten, oder um die Heranführung der Jugend ans klassische Erbe.Herausgekommen sind meistens Peinlichkeiten, so wenig haben die jeweiligen Energien und Intelligenzen miteinander zu tun.Da hätte man noch respektvoll voneinander Abschied nehmen können.Doch nein: Inzwischen ist ein Umarmungswille ausgebrochen, der schlimmer ist als die einstigen Berührungsversuche.Alles ist Crossover, Fusion und Trans-Sowieso - und Fremdheit ein Fremdwort.Über das Berliner Ensemble Oriol, das sich an zwei Abenden in der Kalkscheune und im Kammermusiksaal präsentierte, lassen sich eigentlich nur freundliche Dinge sagen.Daß Sebastian Gottschick und seine Leute doppelchörige Madrigale von Giovanni Gabrieli so überzeugend spielen wie die Modernismen des an Bártok geschulten Finnen Joonas Kokkonen.Oder daß es in der Programmgestaltung eine bewundernswerte Neugier gibt.Nur daß das Ensemble mit den uraufgeführten "Lomographien" für Solovioline (Daniel Sepac), Streicher, Rapper (Henrik von Holtum) und Electronics (fx randomiz) des 22jährigen Komponisten Hannes Galette-Seidl den alten Grenzüberschreitungs-Wahn auf den neuesten Stand bringt, damit hat es sich keinen Gefallen getan.Hier sucht die im Material zwischen Pizzicato-Schauern und Flageolett-Gänsehaut wüst herumkruspelnde E-Avantgarde von vorgestern das Post-Rock-Zeitalter zu erreichen: Stop Making Sense.

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