Kultur : ZURÜCK-LITERATUR

BODO MROZEK

Tief unter Berlins Mitte, in den Stollen des Bergwerk in der Bergstraße, wo es warm ist und rauchig, steht Gunnah am Mikro, ein Bauch- und Glatzenträger aus Hohenschönhausen.Er liest seinen Text "Der May ist gekommen und wird auch wieder gehen müssen oder auch getragen werden vielleicht." Eine Art Sportreportage, Gunnah hat es heute mit dem Boxen.Auf seinem verwaschenen Sweatshirt steht "Bad Boys".Könnte das Motto der nicht mehr ganz jungen Männer sein, die hier jeden Mittwoch um 21 Uhr als Surf-Poeten - Liga für Kampf und Freizeit - agitieren.Etwa fünfzig junge Fans quetschen sich auf Klappstühlen zwischen Ziegelmauern, die so roh und unverputzt sind, wie die Darbietungen selber.Solche Abende folgen einer eigenen Dramaturgie.Senkt "Lieutnant Surf" die Nadel in die Rillen seiner raren Rockabilly- und Halligalli-Scheiben: erstes Zucken in den Knien.Als Holger Weber ein Live-Hörspiel ("Es gibt keinen Gott nach 18 Uhr in Fürstenwalde") damit eröffnet, daß er mit einem Eisenschwert brachial auf die Wände eindrischt: verhaltene Freudensschreie.Die steigern sich bei Michael Steins Lesung von B.Z.-Artikeln aus seiner Ausschnittsammlung zu hemmungslosem Jubel.Und als schließlich die Gast-Band "Pa Pa Oom Mow Mow" loslegt, da gleitet die Stimmung vom Konspirativen endgültig ins Transpirative ab: Publikum und Stars verschmelzen zu einem einzigen, hüpfenden Körper.Der hochkuriose Mix aus Lyrik, Prosa, Tanz und Mitmachspielen hat mittlerweile ein kabarettistisches Niveau erreicht, das sich um Welten von dem Gestammel abhebt, das etliche Selbstdarsteller dieser Stadt unter der Entschuldigung "Off-Kultur" so hervorbringen.Doch Vorsicht, dies ist kein Abend für Schöngeister.Die Surf-Poeten sind, literarisch wie entwicklungspsychologisch gesehen, noch in der genitalen Phase.Salonfähig sind sie nicht.Aber das werden sie hoffentlich auch nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben