Kultur : Zurück nach vorne

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

eine Frau, der Charles Ives das Leben rettete

„All Rise“ heißt eine unlängst auf CD veröffentlichte Wynton MarsalisKomposition (Sony), ein großes Werk für Chor und Orchester, das er vor zwei Jahren mit Claudio Abbado auch in der Berliner Philharmonie aufführte. Für Wynton Marsalis ist der so genannte Fortschritt in der Kunst, wie ihn Adorno so eindringlich forderte, keine Perspektive mehr. „Die Entdeckung neuer Formen in der Kunst, die Einflüsse der Philosophie und Malerei auf die Musik, Picasso, Schoenberg, Jazz – das waren revolutionäre Veränderungen in einer anderen Zeit. Jazz dient den Menschen aber auch zur Vergewisserung ihrer selbst: Er zeigt ihnen, woher sie kommen. Das finde ich bedeutender als sich dem Zwang auszusetzen, neue Formen entdecken zu müssen.“ Er verstehe die Entscheidungen, die Matisse und Picasso einst trafen, sagt Marsalis, aber er könne keine große Leistung darin erkennen, „herauszufinden, wie man sein Publikum verliert. Ich halte mein Werk, das ich in den letzten zwanzig Jahren vorgelegt habe, für sehr innovativ und neu. Es ist weder revolutionär noch abstrakt.“

Doch dieser Meinung sind nicht alle. Die englische Pianistin Joanna MacGregor glaubt, dass sich gerade die zeitgenössischen Musiker wesentlich radikaler orientieren sollten. Aus dem Blickwinkel einer klassischen Musikerin kritisiert sie die Musikindustrie nun dafür, dass sie in ihrer Angst vor Überalterung und dem drohenden Verlust des Klassik-Publikums, die Flucht in das Easy-Listening-Format angetreten hat. Auch das sei ein Irrtum, da selbst die so genannte Klassik Light nur ein älteres Publikum anspreche. MacGregor plädiert für die Unabhängigkeit der Künstler, die sich nicht länger auf die Marketingabteilungen ihrer Plattenfirmen verlassen, sondern eigene Strukturen des Selbstmanegements entwickeln sollten. Um junge Hörer zu erreichen sei ein Crossover zwischen den Genres angezeigt, der nicht weichgespült, sondern radikal und selbstbewusst daherkommt. MacGregor hat mit so unterschiedlichen Dirigenten und Komponisten wie Sir Simon Rattle, Pierre Boulez und John Adams gespielt – mit 12 veränderte die Musik von Charles Ives ihr Leben, mit 14 waren es Ligeti und Thelonious Monk. Zu ihren Vorbildern unter den Pianisten zählt sie Glenn Gould und Dr. John. Neben Werken von Bach und Cage tritt sie auch mit Weltmusikern wie Nitin Sawhney, Talvin Singh und Jin Xings chinesischem Tanztheater auf. Mit dem südafrikanischen Jazzpianisten Moses Taiwa Molelekwa, der vor zwei Jahren, erst 27-jährig, unter tragischen Umständen ums Leben kam, trat sie im Sommer 2000 auch in dessen Heimat auf.

Auf ihrer aktuellen CD „Play“ (Enja), die bei ihrem eigenen Label SoundCircus erschienen ist, gibt es ein Duett von Molelekwa und MacGregor. Außerdem interpretiert sie den „Libertango“ von Astor Piazzolla, die eigene Komposition „Dance It“ und den „42nd Street Stomp“ des Tonsetzers Alasdair Nicolson. Sie spielt präpariertes Klavier, nutzt elektronische Verfremdungen und Mehrspuraufnahme, einmal ist sogar kurz die Stimme Piazzollas zu hören. Heute um 16 Uhr ist die unglaublich vielseitige Musikerin zum ersten Mal in der Berliner Philharmonie (Kammermusiksaal) zu hören.

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