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Steffen Richter

INTERNATIONALES LITERATURFESTIVAL BERLIN

In Marokko soll es Bäume geben, in denen Ziegen hängen. Der Mexikaner Alberto Ruy Sánchez hat sie gesehen, als er nach Mogador reiste. Seitdem sucht der entzückte Poet allerorten die „Ziegen in den Bäumen“. Seine „Ästhetik des Erstaunens“ nennt er das. Seit 20 Jahren ist Ruy Sánchez unterwegs nach Mogador, einer durchaus realen Stadt an der marokkanischen Atlantikküste, die heute Essaouira heißt. In drei Romanen, etlichen Erzählungen und Gedichten hat er ihr eine imaginäre Topographie angedichtet. Sie ist ein flimmerndes Gebilde aus Licht, Stein und Hitze – grundiert von einer jahrhundertealten arabischen Kultur.

Ruy Sánchez ist ein vielseitiger Homme de lettres. Ein Buch über Octavio Paz hat er geschrieben. Und er gibt die wichtige Zeitschrift „Artes en México“ heraus. Während des Studiums in Paris bei Roland Barthes müssen es ihm dessen „Fragmente einer Sprache der Liebe“ besonders angetan haben. Beständig kreisen Sànchez’ Texte um erotische Begehrlichkeiten, die Sexualität schwangerer Frauen oder den Wunsch, „das Wasser zu sein, das hartnäckig deine Wurzeln sucht“. Ruy Sánchez’ Sprache, erklärt die Moderatorin Michi Strausfeld, stecke voller musikalischer, malerischer und erotischer Schwingungen. Wer am Mittwoch in den Sophiensälen war, konnte freilich den Eindruck bekommen, dass die Schwingungen dem Schwulst manchmal nicht fern sind. Mogador, sagt der Dichter, nähert man sich mit abgestelltem Schiffsmotor. Ganz wie man sich einer Frau nähern sollte. Dann lacht er. Als sei ihm der eigene Kitsch nicht geheuer. Und sagt: Sein Publikum sei vor allem weiblich.

Das ist doch der Multikulti-Typ aus London, sagen viele über Hanif Kureishi und denken immer noch an den Drehbuchautoren von „Mein wunderbarer Waschsalon“ oder „Sammy und Rosie tun es“. Dabei ist der Ruhm, den er mit dem „Waschsalon“ errang, bald 20 Jahre her, und auch als Romancier ist der Sohn eines Pakistani und einer Britin seit seinem Debüt „Der Buddha aus der Vorstadt“ von 1990 über sich hinausgewachsen.

„Kureishi ist ein echter Engländer“, sagt sein Biograf Kenneth C. Kaleta über den „Postcolonial Storyteller“ und fügt hinzu: „Fast.“ Man muss das so verstehen, dass Kureishi ein Experte für Zwischenwelten aller Art geblieben ist. Nicht nur, weil er nach wie vor zwischen Kino, Theater und Prosa unterwegs ist. Sein neues, gerade im Kindler Verlag erschienenes Buch „In fremder Haut“ erzählt von einem 65-jährigen Dramatiker, der sein Gehirn in den Körper eines Mannes mit dem Aussehen eines jungen Alain Delon verpflanzen lässt. Kureishi, mit 49 Jahren weder jung noch alt, hat mit „The Body“, so der Originaltitel der Novelle, eine zeitgenössische Variante des Oscar Wilde’schen „Dorian Gray“ geschaffen – mit Schlagseite in Richtung des von ihm hoch geschätzten Michel Houellebecq. Ein Buch also, in dessen Mittelpunkt auch das Merkantile des menschlichen Körpers steht. Was bedeutet: Sex ist ein Geschäft, und Geld spielt dabei nicht die einzige Rolle. „In fremder Haut“ ist die unmoralische Geschichte eines Moralisten, der erklären will, dass auch die schönsten Träume manchmal besser nicht wahr werden. Heute um 21.30 Uhr liest Kureishi aus „The Body“ in den Sophiensälen . Gregor Dotzauer

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