Kultur : Zuwanderung: Alles Theater? Alles Theater!

Der saarländische Ministerpräsident sagte den entscheidenden Satz ausgerechnet im Theater. Im Staatstheater Saarbrücken. Ebendort sprach Peter Müller bei einer Veranstaltung vom "legitimen Theater" einer verabredeten Empörung, das die Union am vergangenen Freitag im Bundesrat in Szene gesetzt habe. Das Vorspiel hinter den Kulissen hatte schon in der Nacht vor der Abstimmung über das neue Zuwanderungsgesetz stattgefunden, als die CDU erfuhr, dass Bundesratspräsident Klaus Wowereit die Stimmabgabe des Mehrheitsbeschaffers Brandenburg trotz dessen gespaltenen Votums als "Ja" werten wolle. Die "ehrliche Empörung" unter den Unionsvertretern habe "in einem kleinen Zimmerchen in einer großen Parteizentrale" geherrscht. Also, so Müller, habe man verabredet, sie am nächsten Tag öffentlich zu dokumentieren.

Ein Theaterstück also, dessen Generalprobe im Hinter"zimmerchen" des wirklichken Lebens stattfand, bevor es mit verteilten Rollen und dramatischen Höhepunkten am nächsten Tag aufgeführt wurde. Der Tagesspiegel bat vier Bühnenexperten um eine kurze Premierenkritik. Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, fand die Veranstaltung gar nicht überzeugend, wenn auch recht amüsant: "Wir sind schon besser als das, was da im Bundesrat passiert ist. Das war Schmieren- und Rüpeltheater. Ich habe das mit größtem Vergnügen gesehen, ich habe mich gekugelt." Was der Auftritt im Bundesrat über den Stand der Politik aussagt, stimmt ihn jedoch eher bitter: "Es ist kümmerlich und auf eine bestimmte Art auch schrecklich. Da sieht man den Grad der Verkommenheit dieser regiernden Clique. Das war so trostlos, so plump, das würde bei uns über eine Leseprobe nicht hinauskommen. Koch als hessischer Mephisto, als Provinz-Mephisto, der den Edlen spielt! Ich hänge immer noch der These nach, dass es eine Elite ist, die Politik macht. Es stellt sich aber heraus, es ist eine Negativ-Selektion. Es ist für diese Kaste ein trauriges Spiel, keine Tragödie, eine Farce am Abgrund."

Regisseur Jürgen Flimm, Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele, hat sich vor allem die schauspielerischen Leistungen genauer angesehen und diagnostiziert: "Wenn das Stück letzten Freitag im Deutschen Bundesrat ein Versuch in politischem Theater war, dann war auch die Aufregung über den Inhalt des Zuwanderungsgesetzes ein Possenspiel. Herr Koch würde mit seiner aufgesetzten Leistung in keiner Schauspielschule die Aufnahmeprüfung überstehen. Koch muss nun leider im Fach Knallcharge abgelegt werden. Wowereit war da schon eher auf der Höhe der Spiel-Zeit: cool und ganz Pokerface, mit einem Geheimnis wie Richard der Dritte. Herr Vogel allerdings überzeugte als père noble."

Bernd Wilms, Intendant des Deutschen Theaters Berlin, kann dem Polittheater im Bundesrat durchaus positive Seiten abgewinnen: "Mir gefällt das sehr", sagte Wilms dem Tagesspiegel, "im richtigen Theater sind die besten Pointen, die besten Extempores immer verabredet. Der schönste Theaterdonner ist immer inzszeniert. Und wir wissen ja, dass Politik Theater ist." Der Vorteil der Debatte um die Zuwanderung bestehe darin, dass die Politik dies nun einmal zugeben müsse: "Jetzt hilft kein Leugnen mehr. Wahlkampftheater."

Und Thomas Ostermeier vom Leitungsteam der Berliner Schaubühne gratuliert: "Das war großes Theater. Vor allem das Umschlagen von Tragödien- in Schmierenkomödien und zurück: Ich mache meinen ersten Shakespeare mit den deutschen Ministerpräsidenten."

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