Kultur : Zwanzig Jahre Schweigen

Ein Berliner Bildhauer veranstaltet den ersten Kunst-Workshop in Afghanistan

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Von Simone Kaempf

Auf dem Plakat heißt es schlicht: Perspectives, Exhibition, 6.6.-23.6., Andreas Theurer. Doch hier wird keine gewöhnliche Ausstellung angekündigt. Das Plakat, auf dem ein weißer Sandsteinkubus verloren in eine öde Landschaft gesetzt ist, hing vor wenigen Wochen an der abgeschabten Eingangstür der Akademie der Schönen Künste in Kabul, und die Bescheidenheit, die der Entwurf dort ausgestrahlt haben mag, ist nicht wirklich ernst gemeint: Die Ausstellung mit Arbeiten des deutschen Bildhauers Andreas Theurer, Professor für künstlerische Grundlagen der Gestaltung in Dessau, konzipiert von ihm selbst unter Federführung der Friedrich-Ebert-Stiftung, ist die erste Skulpturen-Ausstellung in Afghanistan seit zwei Jahrzehnten.

Zwanzig Jahre also. Ein Zeitraum, in dem ächzendes Schweigen entsteht, und der doch eine suggestive Kraft erhält, wenn man ihn konsequent an den Anfang zurück denkt: Immerhin, es gab ein abstraktes Bildhauern, bevor die sowjetischen Besatzer, die zerstrittenen Stammesvertreter im eigenen Bruderkrieg und schließlich die Taliban-Milizen die Kreativität der Künstler zermürbten, verboten oder sie ins Exil trieben.

Der erste Blick auf Theurers Arbeiten mag bei so manchen afghanischen Betrachtern denn auch erstmal Ratlosigkeit hinterlassen haben – auch deshalb, weil nach dem langen Verbot, Menschen oder Tiere in der Kunst abzubilden, in Kabul eine neue große Sehnsucht nach dem Figürlichen herrscht. Und nun ist plötzlich das zu sehen: Kuben, geometrische Figuren, verzerrte Formen. Dreißig Skulpturen aus Bronze, Stein und Holz, Zeichnungen und Holzschnitte säumten den langen, frisch getünchten Flur in der Akademie der Schönen Künste. Eine Auswahl, die allzu zerbrechliche und zu schwere Arbeiten schon des Flugtransports wegen ausschloss, und in Kabul vor allem nach einem Thema inszeniert wurde: Der Entwicklung vom Figurativen zum Abstrakten.

Eine Entwicklung, die der 46 Jahre alte Theurer seit seiner Studienzeit bei Alfred Hrdlicka durchlebt hat, und die doch im Zeitraffer nachzuholen in Kabul unmöglich ist, weil die eigene Existenz nicht per Knopfdruck vor- oder zurückgespult werden kann. Doch Theurer hat die Skulpturen mit Absicht so ausgewählt, denn die Ausstellung war nur der Ausgangspunkt für den Blick, den der Berliner Bildhauer selbst nach der Eröffnung auf elf afghanische Künstler werfen wollte: Zwei Wochen lang arbeitete er intensiv mit ihnen zusammen.

Ein Workshop als künstlerische Aufbauhilfe. Dass die neben den politischen und wirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen in Kabul ebenfalls notwendig ist, darüber herrscht weitgehend Einigkeit. Aber was genau lehren, und wann? Der Abstand zu traumatischen Erlebnissen ist schließlich Bedingung dafür, dass sich Betroffenheit in ein Bild verwandeln kann. Also erstmal gemeinsam einfach anfangen, und dann sehen, wie man weiter macht, nahm sich Theurer vor. Aber selbst das ist nicht so einfach in einem Land, wo die alte Zeit scheinbar vorbei ist, aber die Geister noch da sind und das Leben gefangen halten. Gemeinsam in der Gruppe arbeiten? In der Öffentlichkeit der Hochschule? „Einige Teilnehmer hatten regelrechte Angst davor, sich zu zeigen und in der Öffentlichkeit künstlerisch zu arbeiten“, erzählt Theurer. Woher hätten die Künstler in den vergangenen Jahren das Selbstbewusstsein auch nehmen sollen? Niasim zum Beispiel: Seine Ausbildung hat der 40-Jährige noch in Kabul abgeschlossen, dann ist er nach Pakistan geflüchtet, wo er mit Jobs die Familie ernähren musste. An Kunst war nicht zu denken. Oder die Malerin Latifa, die zuhause in Kabul in den vergangenen Jahren die romantischen, menschen- und tierleeren Berglandschaften malte. Nichts, was mit ihr wirklich zu tun hat, sagt sie heute. Aber ein Motiv, das nicht unter das Verbot fiel und viel von Sehnsucht erzählt.

Mögen die elf Künstler, die Theurer zwei Wochen lang kennengelernt hat, auch jahrelang nicht gearbeitet haben, so haben sie doch alle eine gute Ausbildung erfahren, die sie jetzt für ihre Positionen als Dozenten und Professoren an der Akademie befähigt – und auf die sie sich derzeit umso stärker berufen. Schaut man auf die Bilder, die Andreas Theurer aus Kabul mitgebracht hat, dann mutet es an, als haben die Künstler ihre Lektionen im sozialistischen Neorealismus gelernt. Eine Frau, die heroisch ihr Kind an der Hand hält und auf die Sonne über einem See schaut. Oder starre Figuren wie man sie aus der russischen Avantgarde kennt. „In wenigen Minuten wurde das aufs Papier geworfen“, erzählt Theurer.

Aber weil sich auf dem Weg zum Abstrakten die Oberflächen nur aufbrechen, wenn sich auch die Denkweisen verändern, konnte er nur reden, diskutieren, zum Denken anregen. Und als seien Worte manchmal doch eine Lösung, belegen einige Bilder dann auch, dass im Laufe der Tage ganz Erstaunliches entstand. Eindrucksvolle Holzschnitte oder Porträts, ohne zierende Versatzstücke. Bilder, die die Wirklichkeit des Erlebten anklingen lassen, die ganz aus der Gegenwart sprechen und nicht nur Lücken von zwanzig Jahren füllen, sondern weit darüber hinaus gehen. Harte Arbeit sei es gewesen, die Künstler dorthin zu bringen, resümiert Theurer. Aber es hat geklappt, und er schmiedet vage Pläne, im nächsten Jahr ein ganzes Semester nach Kabul zu gehen. „Man hat das Gefühl, dort wirklich etwas bewirken zu können.“ Ein gutes Gefühl.

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