Kultur : Zwei Arten, ein Musikinstrument zu malen

NAME

Von Christina Tilmann

Die Ähnlichkeit beginnt beim n – und hört damit auch schon auf: Matisse-Picasso, das sind sieben Buchstaben, drei Vokale und ein Doppelkonsonant in der Mitte. Sie bezeichnen unbestritten die zwei einflussreichsten und genialsten Künstler des 20. Jahrhunderts und gleichzeitig Gegensätze, wie sie sich stärker nicht denken lassen. Eine Olympiker-Konstellation, wie einst zwischen Goethe und Schiller: zwei geniale Künstler, einander in Freundschaft und Rivalität verbunden – und in der Erkenntnis, dass sie von niemand besser verstanden werden als vom jeweiligen Konkurrenten.

Hier Picasso, das Allround-Genie, das im Abstand von zehn Jahren seinen Stil komplett ändert, dort Matisse, der Künstler, der seinem einmal gefundenen Malstil treu bleibt. Hier der Zeichner, dessen Interessen den Formen und Fragmenten gilt, dort der Maler, der im Farbrausch schwelgt. Hier der düstere Spanier mit seiner Obsession von Tod, Gewalt und Krieg, dort der Lebenskünstler, dessen Bilder einen lebenslangen Sommertag zu feiern scheinen. Ob man Matisse oder Picasso höher schätzt, das ist auch eine Entscheidung über die eigene Werteskala in der Malerei: Vielseitigkeit oder Eigenart, Disegno oder Farbe, Konflikt oder Harmonie.

Dass Matisse und Picasso so diametral entgegengesetzt gar nicht seien, sondern sich im Gegenteil gegenseitig beeinflusst, ja kopiert hätten, diese These stellt eine Blockbuster-Ausstellung auf, die die Londoner Tate Gallery gemeinsam mit dem Centre Pompidou in Paris und dem New Yorker Museum of Modern Art konzipiert hat. Es ist in jeder Hinsicht ein Gipfeltreffen: Nur durch die Zusammenarbeit der drei besten Museen für Moderne Kunst war es möglich, so viele Bilder der Meistermaler zu versammeln. Der Publikumserfolg der ersten Station in Londons „Tate Modern“ war vorprogrammiert: 250000 Menschen sahen seit der Eröffnung die Schau. Und trotzdem hält die gewagte These nicht, was sie verspricht. Zu offensichtlich sind die Unterschiede, zu gesucht, oft abwegig die Gemeinsamkeiten, um Matisse und Picasso zu einem wirklichen Dialog zusammenzuspannen. Statt einen neuen Blick auf die Werke zu ermöglichen, verleitet die Ausstellung zum stumpfsinnigen Vergleichen.

Da ergeben sich so banale Erkenntnisse wie die gemeinsame thematische Fixierung auf Stilleben, Musikinstrumente oder die Konfrontation zwischen Maler und Modell. Statt die „Blue Nude: Memory of Biskra“ von Matisse in ihrer Kühnheit zu bewundern, rätselt man, ob vielleicht Picassos „Akt mit erhobenen Armen“ ein Jahr später als Antwort darauf gemeint sein könnte. Vollends absurd wird das Konzept, wenn Picassos späte Hommage an Velazquez’ „Meninas“ als das „most matissean“ seiner Bilder gerühmt wird, weil es sich – wie Matisse –- einer gewollt infantilen Bildsprache bedient.

Statt Ähnlichkeiten zutage zu fördern, betont die Konfrontation Unterschiede: Picassos Schritte in Richtung Kubismus führen zu einer immer stärkeren Blockhaftigkeit der Figuren, sein Interesse gilt der Gleichzeitigkeit verschiedener Ansichten, während die arabesk-floral beschwingten Linien von Matisse zwar die Perspektive aufheben, aber niemals die Einheit der Figur in Frage stellen. Matisse’ „Porträt der Mlle. Yvonne Landsberg“ als Exkursion in den Kubismus zu lesen, ist gelinde gesagt kühn: Die Bögen in Form einer Mandorla, die die junge Frau umgeben, stehen einem Delaunay oder Leger näher als gerade Picasso, der zu der Zeit schon mitten in seiner kubistischen Hochphase war. Gar nicht zu reden von den Welten, die zwischen den düsteren Braun-, Grau- und Schwarztönen der kubistischen Bilder Picassos und Matisses leuchtenden Orange- und Blau-Sinfonien liegen. Der „Meister des Goldfisches“, wie der Kunsthändler Leonce Rosenberg Matisse einmal nannte, hat es auf den Punkt gebracht: „Picasso zerbricht die Formen. Ich bin ihr Sklave.“

Nähe ergibt sich allein aus der Biografie: Dass die beiden gute Kommentatoren des jeweils anderen waren, ist in den Berichten vieler Zeitzeugen belegt. Seit sie im Frühjahr 1906 in Paris erstmals aufeinandertreffen, haben Matisse und Picasso sich fast 50 Jahre lang regelmäßig besucht, beobachtet und beargwöhnt. Das Bewusstsein, einen ebenbürtigen Gegner gefunden zu haben, spornte sie an. „Picasso ist kapriziös und unvorhersehbar – aber er versteht die Dinge.“ gab Matisse zu, während Picasso urteilte: „Matisse malt wunderschön und elegant – und er ist verständig.“

Erst in den letzen Jahren vor Matisse’ Tod finden die beiden zu einer persönlichen Freundschaft, die sie auch künstlerisch näherbringt: Im gemeinsamen Interesse an den erotischen Implikationen, die ihr Lieblingsmotiv „Maler und Modell“ mit sich brachte, sowie im gemeinsamen Interesse an Skulptur, das die Ausstellung leider relativ schnell und oberflächlich abhandelt. Dabei sind die Bronzen, die Picasso und Matisse von ihren jeweiligen Geliebten anfertigen, die Werke, die sich am meisten ähneln: In der Vorliebe für fleischige, runde Formen, im rücksichtslosen Umgang mit den Zügen der Frauen und in der seriellen Ausformung.

Erst am Ende der Ausstellung schließt sich ein sinnvoller Kreis: Das „Rote Interieur: Stillleben auf einem Blauen Tisch“ aus Düsseldorf ist zwar schon 1947 entstanden, als Beispiel für Matisse’ überwuchernde Ornamentik, für die Heiterkeit seiner Vision, für die spielerische Art, Perspektiven außer Kraft zu setzen, ist es ein hervorragendes Beispiel. Picassos „Studio in La Californie“ erscheint wie eine späte Antwort darauf: Auch hier der Blick durch ein französisches Fenster nach draußen, die flache Perspektive, die Gegenüberstellung von Haus und Garten. Doch statt der leuchtenden Rot-, Blau- und Gelbtöne von Matisse herrschen hier Braun und Schwarz. Entstanden ist das Bild 1955 - ein Jahr nach dem Tod von Matisse.

Matisse Picasso, Tate Modern, London, bis 18. August. Täglich 10 bis 22 Uhr. Eintritt 10 Pfund. Der Katalog kostet 25 Pfund.

0 Kommentare

Neuester Kommentar