Kultur : Zwerge versetzen

Andreas Homoki und Vladimir Jurowski wagen sich in der Komischen Oper Berlin an zwei Einakter des Jahrhundertwende-Komponisten Alexander von Zemlinsky

Ulrich Amling

68 Jahre soll es her sein, da zuletzt eine Oper von Alexander von Zemlinsky an einem Berliner Opernhaus gespielt wurde. Doch nun nimmt sich einer Zeit für ihn: Andreas Homoki, der Enthusiast und Teamchef der Komischen Oper, der das Credo einer Elektrogroßhandelskette lebt: „Wir sind die Guten!“ Und an deren Sieg soll man getrost weiter glauben. Nachdem der Chefregisseur und designierte Intendant seinem Stammpublikum bei der „Verkauften Braut“ gezielt (aber ohne Plan) vor den Kopf geschlagen hat, trachtet er nun danach, sich mit seinem Zemlinsky-Abend wieder in den schützenden Schatten der Büste des Komische-Opern–Gründers Walter Felsenstein zu robben, will Ensemblegeist, Deutlichkeit, Ehrlichkeit. Doch was hätte der Musiktheaterurahn wohl zur Inszenierung der „Florentinischen Tragödie“ seines künstlerischen Enkels gesagt?

Die mörderische Geschichte vom Tuchhändler, der eines Nachts seine Frau in den Armen des Prinzen von Florenz wiederfindet, steht auf dem Spielbein still. Trieb, Lust und Frust sind den Figuren einkomponiert, funkeln wie Sonnenstrahlen auf einem See von ungeahnter Tiefe. Erwartungsvoll und angstbeladen richten sich die Blicke ins nasse Dunkel. Homoki hat dieses prachtvolle Jugendstil-Biotop im Dienst der Klarheit drainagiert, sein mythischer Liebesabgrund erscheint flach wie das Steinhuder Meer. Jetzt kann man gefahrlos im knietiefen Wasser herum waten und warten – auf ozeanische Gefühle. Ausstatter Wolfgang Gussmann hat das Heim des Händlers in ein gewaltiges Hochlager verwandelt, in Kletterwände aus Pappkartons, deren öde Agglomeration keinerlei Räume öffnet. Träger Besitzstand siegt über emotionalen Aufbruch, und so sehr auch Gatte, Gattin und Liebhaber die Kisten bestürmen, auf die Büchse der Pandora stoßen sie nicht. Immer wieder mindert Homoki das Eindeutige der Verrat-Situation, verwischt das ohnehin kaum erkennbare Profil seiner Figuren, als sei ihm die ungeheuerliche Schlusspointe peinlich: der Händler erwürgt den Prinzen, seine Frau erflammt darauf erneut für ihren Mann, der wieder die Schönheit seiner Frau entdecken kann.

Mord ohne Heulen und Zähneklappern, der Tod des Liebhabers als Beziehungskick. Was Zemlinsky in kühner Umkehrung herkömmlicher Opernschlüsse arrangiert hat, lässt Homoki droben auf dem Kartonberg per Slapstick-Würgerei aus der Welt schaffen. Andreas Conrad, John Wegner und Ann Hallenberg bringen das ordentlich hinter sich, doch nicht nur das Ziel- und Zahnlose der Inszenierung lastet auf ihnen wie Blei.

Vladimir Jurowski, nach internationalen Triumphen wieder einmal an der Komischen Oper zu Gast, wo seine Laufbahn einst begann, packt Zemlinskys feinnervige Musik mit der Pranke. Wer sich Richard Strauss so nähert, mag noch einen Klang von pausbäckiger Vitalität erzeugen. Zemlinsky ist - als Mensch wie in seinem Schaffen - weit weniger widerstandsfähig, wird aus Zweifeln groß, im Changieren schön. Seine Tuchhändlertragödie lebt nur, wenn man sie in einen musikalischen Stoff verpackt, der gleichzeitig verhüllt und durchblicken lässt wie Chiffon oder Organza. Jurowski aber wählt den groben Zwirn des Blaumanns, den das Orchester der Komischen Oper mit dem Selbstbewusstsein von Handwerkern fest kämmt. Ehrliche Arbeit, die leider keinen ehrlichen Lohn einbringen kann, weil sie unkenntlich macht, was sie zu erschaffen sucht.

Runder läuft das Homoki-Theater im „Zwerg“, dem zweiten Teil des Abends. Putziges Riesenspielzeug wandert wieselschnell durch ein Tableau künstlicher Kindheit. Doch das kühle Spiel wird erst durch dichte Puccini-Klangschwaden eingenebelt, dann durch die Regie ausgebremst. Die will es, dass der Zwerg, den die Infantin zum Geburtstag geschenkt bekommt, tatsächlich ein Spielzeug ist - und nicht etwa ein potenzieller Nutznießer der „Aktion Mensch“. So fallen die erotischen Implikationen zwischen der heranwachsenden Frau und dem „hässlichen“ Mann nicht ins Gewicht, bleibt alles Spiel und gewinnt keine zwingenden Dimensionen.

Auf seinem Weg zu verlässlichen, gradlinigen Opernproduktionen steht sich Homoki - mal zu simpel, mal zu kompliziert entwerfend - bei Zemlinsky selbst im Weg. Und dennoch: In der Berliner Opernlandschaft, wo ständig mit wilhelminischem Starrsinn Weltniveau in allen Häusern gefordert wird, hat die Komische Oper ihren Platz. Wo es schwer ist, selbst Zwerge zu versetzen, orientiert sie sich an solidem Stadttheater. Nur eines sollte Homoki, der „noch viele schöne Sachen“ zeigen will, nicht vergessen: Häuser vergleichbaren Niveaus kommen im Bundesgebiet mit weit weniger Subventionen aus.

Weitere Vorstellungen am 20./24./29.11. sowie am 3. und 6.12.

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