Kultur : Zwischen Riesenspinne und Monsterpilz

GRAFIK

Michael Zajonz

Sie umfassen und wiegen sich, Hand in Hand, anziehend und abstoßend. Sie prallen aufeinander, ihre Haare stehen zu Berge, sie heben das rechte Bein. Sie lieben sich, akrobatisch, zuweilen auch komisch, so zwischen Riesenspinne und Monsterpilz. „Letzte Tänze“ hat Günter Grass eine neue Folge von Gedichten, Lithografien und kleinen Skulpturen genannt. Nach seiner Novelle „Im Krebsgang“ hatte sich der Literatur-Nobelpreisträger eine Schreibpause verordnet. Als Künstler kann er vom Beobachten und Erinnern jedoch selbstverständlich nicht lassen.

Das Haus am Lützowplatz zeigt nun erstmals die (beinahe) komplette Folge, 22 Blätter, dazu einige der in Bronze übertragenen Handschmeichler sowie eine Auswahl älterer Drucke (bis 2. November, Di bis So 11 bis 18 Uhr, Buch im Steidl Verlag, 35 Euro). Wer mit dem Titel der aktuellen Serie eine Paraphrase auf mittelalterliche Totentanzdarstellungen erwartet hat, den überrascht das pralle Leben. Grass preist mit Eros den anderen großen Meister und arbeitet dabei mit für ihn, den bei Otto Pankok ausgebildeten Grafiker, ungewohnt eleganten Strichlagen. Dabei erinnert er sich – überdeutlich in den Gedichten – an die eigene Initiation Anfang der Vierzigerjahre: Denn „die richtigen Männer/ warn draußen im Krieg“.

Wählte er in früheren Arbeiten das eigene literarische Werk zum Ausgangspunkt, so wächst der Text nun selbst durchs Bild. Formal knüpft Grass damit an die Folge „Mit Sophie in die Pilze gegangen“ (1976) an. Eines hat das aktuelle Konvolut allerdings dem lithografierten Kommentar zur matriarchalen Küchenwirtschaft des „Butt“ voraus. Grass bedient sich hier einer Metaphorik, die dehnbar und vertraut zugleich ist. Letzte Tänze? Der ewige Tanz!

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