Kultur : Zwischen Unschuld und Porno

Globalisierter Superstar: Shakira in Berlin

Sebastian Gierke

Von oben betrachtet sieht es aus, als umschwirrten Glühwürmchen eine rote, sich im Wind wiegende Blume. Dabei versuchen nur Hunderte Kinder und Teenager vor der Bühne, mit ihrem Mobiltelefon ein Bild von Shakira in dem Moment des Konzerts zu schießen, in dem ihr Bauchnabel das einzige Mal nicht zu sehen ist. Sie hat ein wallend-rotes Abendkleid angelegt, dessen Schleppe sie jetzt mithilfe von zwei Stangen über ihrem Kopf flattern lässt. Dann dreht sie sich um sich selbst und es entsteht der Eindruck eines Blumenkelches – in genau der Farbe, mit der der Sponsor überall in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle für kleine Autos wirbt. Doch Shakira Isobel Mebarak Ripoll wirkt in dem wunderschönen Kleid wie gefangen, gefangen von ihrer Gefallsucht.

Als das jüngste von acht Kindern ist sie in dem kolumbianischen Örtchen Baranquilla aufgewachsen. Ihre Mutter ist Kolumbianerin, die Vorfahren ihres Vaters stammen aus dem Libanon. Von ganz unten hat sie es an die Spitze des internationalen Pop geschafft – indem sie es allen recht gemacht hat: Rockern und Poppern, Latin-Fans und Liebhabern orientalischer Klänge. Südamerikanern und Nordamerikanern, Europäern und Asiaten. Kindern, Teenies, frisch Verheirateten, Müttern und Vätern, sogar Oma und Opa. Für alle hat sie Songs geschrieben, sie alle kaufen ihre Platten und besuchen ihre Konzerte: Shakira, der globalisierteste Superstar der Welt.

In Berlin eröffnen orientalische Zitherklänge das Konzert. Shakira betritt im kurzen Glitzertop, wie immer barfuß, die Bühne. Und jetzt geht es Schlag auf Schlag: Latin-Rhythmen werden abgelöst von Siebziger-Jahre-Gitarrenrock, Reggae von arabesken Melodien und Synthiepop, englische Texte von spanischen. Es ist ein Konzert wie ein Flug um die Welt in einer kleinen Propellermaschine: niedrig genug, um die schillernde Oberfläche zu erfassen, aber zu hoch, um Details erkennen zu können. Dazu tobt die Sängerin meist über die Bühne, dass die blonden Locken fliegen, und lässt ihre Hüfte in handballweltmeisterschaftlicher Geschwindigkeit kreisen. Doch im Vergleich zu ihrer letzten großen Deutschlandtour 2003, als sie unter einem riesigen Schlangenkopf den Bühnen-Derwisch gab, hat Shakira an Energie und Wildheit verloren. Vieles wirkt jetzt kalkuliert. Die Dramaturgie ist perfekt, die Lichtshow auch, aber auf Dauer langweilt Perfektion. Ihr Tanz ist nicht mehr Triumph des Unbeschwerten, sondern erwartetes Qualitätsmerkmal, irgendwo zwischen Unschuld und Porno. Und die im roten Kleid gesungene, klebrige Powerballade erinnert sogar an den ekelhaften Pathos Celine Dions. In ein paar Tagen, am 2. Februar, wird Shakira 30 Jahre alt. Hat die Veränderung vielleicht damit etwas zu tun? Versucht sie schon jetzt, ihre Fans auf die Zeiten vorzubereiten, in denen sie ihren Bauchnabel nicht mehr herzeigen möchte? Das wäre reichlich verfrüht.

Aber wahrscheinlich muss man Shakira einfach als ästhetisches Phänomen begreifen, das sich Kritik entzieht wie das Rad eines Pfaus, der nur schön sein will und verführen möchte. Die Frage ist dann: Lügt der Pfau, wenn er sich exhibitionistisch spreizt? Das rasende Publikum in der Halle brüllt: Nein!

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