Kultur : Zwischen was und wann

SIMONE MAHRENHOLZ

"Dem Sucher nach Wahrheit geht es wie dem Schürzenjäger", schrieb Nelson Goodman, "entweder er hat gar keine, oder er steckt mit mehreren fest." Diese Bestandsaufnahme ist typisch für den 1906 in Somerville, Massachussetts geborenen Philosophen, der zuletzt in Harvard lehrte.Typisch, denn dieser Autor war polemisch, witzig, Schriftsteller mit einem glänzenden, unprätentiösen Stil, vor allem aber scheute er sich nicht, alteingesessene Dogmen der Philosophiegeschichte aufzubrechen.Wenn Goodman die Bedeutung der Wahrheit für die Wissenschaften in Frage stellte und an ihre Stelle etwas wie "Richtigkeit", "Passen" oder "Effizienz" setzte, sollte man allerdings nicht vorschnell die französischen Dekonstruktivisten und ihre Wissenschaftskritik assoziieren: Goodman war und blieb im Geiste Logiker.Seine philosophische Herkunft ist eng mit dem "Wiener Kreis" verknüpft, jener dem logischen Empirismus verpflichteten Schule, mit der sich auch seine überarbeitete Dissertation "The Structure of Appearance" beschäftigte: mit Rudolf Carnaps Buch "Der logische Aufbau der Welt".

Und tatsächlich: um die Frage, wie wir Menschen unsere Welt aufbauen, ging es dem bekennenden Konstruktivisten Goodman immer.Kants Idee, daß die Kategorien und Werkzeuge unseres Geistes unser Weltbild formen, wurde von Goodman mit den Werkzeugen der modernen Logik präzisiert.Seine weitere Passion galt der Kunst: so führte der junge Mann in den 30er Jahren in Boston eine Kunstgalerie und fungierte als Museumsberater.Aus dieser Interessenkombination entstanden schließlich bei dem über 60jährigen jene Werke, die ihn auch über die Philosophenfachwelt hinaus bekanntmachten: "Languages of Art" von 1986, das kürzlich als "Sprachen der Kunst" bei Suhrkamp neu übersetzt herauskam, und "Ways of Worldmaking", deutsch "Weisen der Welterzeugung": ein Titel, in dem Carnap wie Kant widerhallen.Goodman unternahm hier das faszinierende Projekt einer Kunstphilosophie-als-Erkenntnistheorie oder umgekehrt: Erkenntnistheorie als Ästhetik.Denn zum Weltverstehen, so seine Überzeugung, gilt es außer den Wissenschaften auch die andere große menschliche kreative Verstehensleistung heranzuziehen: die Künste.Und getreu seinem lebenslangen Interesse, alte, das Denken verengende Dichotomien aufzubrechen, nähert er sich dem Bereich der Kunst mit etwas, das ihr diametral entgegengesetzt zu sein scheint: der modernen Logik.Goodman begründet in "Sprachen der Kunst" eine Allgemeine Symboltheorie: eine vergleichende Untersuchung der Zeichensysteme, die der Mensch zu seinem Weltverständnis verwendet.

Dies erlaubt ihm nun wiederum auch, Antwort auf solche Fragen zu finden, die gerade heute, im multimedialen Zeitalter die Wissenschaften mehr denn je in Atem halten: etwa nach dem Unterschied von Bildern und Worten.Oder von Gemälden und Diagrammen.Oder jene uralte Philosophenfrage, wie Künste im Unterschied zu Wissenschaften funktionieren und was beide mit Wahrheit zu tun haben.Nicht was, sondern wann Kunst ist, sei die Frage, so Goodman, der künstlerisch eingesetzte Symbolsysteme mit Eigenschaften wie "Dichte", "Fülle" und "Exemplifikation" charakterisiert.Goodmans Herkunft aus der Analytischen Philosophie, sein Ausweiten der Sprachphilosophie zur Symboltheorie und seine Passion für die Künste verhalfen ihm in Bereichen, die weit über die Schulphilosophie hinausgehen, zu Antwortpotential, das bis heute nicht ausgelotet ist.Jetzt ist er, der seit 1990 Ehrendoktor der Technischen Universität Berlin war, 92jährig gestorben.

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