Kultur : Zwischen Zen und Zoom

Takehito Koganezawa im Haus am Waldsee.

Jens Hinrichsen
Völlig losgelöst. „Ohne Titel“, 2011. Der Künstler arbeitet oft mit Kondensstreifen; auch auf dem neuen Flughafen Schönefeld ist er mit einem Werk vertreten. Foto: Galerie
Völlig losgelöst. „Ohne Titel“, 2011. Der Künstler arbeitet oft mit Kondensstreifen; auch auf dem neuen Flughafen Schönefeld ist...

Die Linien sind überall. Sie schlängeln sich durch Takehito Koganezawas poetische Zeichnungen. Sie bilden ein Zickzack, das eine Stubenfliege in einem Video performt, emanzipieren sich von ihrem Papierträger oder gleiten als Spuren über Videomonitore, immer ein wenig taumelnd. Schon hier stimmt der Ausstellungstitel „Luftlinien“ für Koganezawas Soloschau im Haus am Waldsee. Völlig losgelöst scheint die Kunst des 38-jährigen, seit 13 Jahren in Berlin lebenden Japaners zu sein. Zwischen Zen und Zoom: Fernöstliche Tradition und Zeitgenössisches verquicken sich in seinem Werk.

Fotografie, das fixierende Medium, sei nicht sein Ding, Video passe besser zu ihm, erzählt der Künstler, zerknüllt ein Stück Papier und legt es auf den Boden. „Um das Objekt wahrzunehmen, muss man sich bewegen“, sagt er und tänzelt um das Knäuel herum. Die Aufnahmen seiner Videoinstallation „Graffity of Velocity“ im Erdgeschoss filmte er aus dem Auto heraus. Auf der Tokioter Ringautobahn dokumentierte er die Lichter der Großstadt. Zehn Beamer werfen nun Wellenlinien und Schleifen an die Wände. Der Raum, ein Farbenmeer. Dem Künstler geht es nicht allein um die Linien, sondern um ein musikalisches Sich-Einstimmen in den Groove der Stadt. Mit solchem Feintuning kommt ihm Tokio gar nicht hektisch vor. Selbst den Betrachter versetzt der kinetische Tauchgang bald in Trance.

„Richtig langsam ist Berlin“, meint Koganezawa, „ich habe mal 30 Minuten auf ein Bier gewartet. Undenkbar in Tokio!“ Seit 1999 gewöhnt er sich an das hiesige Tempo – und gehört zu den Künstlern, die am neuen Flughafen Berlin-Brandenburg mit einem Werk vertreten sein werden. Seine raumhohe, nach dem Zufallsprinzip blau und weiß beleuchtete „Open Sky Box“ können Reisende künftig auf dem Weg von der Sicherheitskontrolle zum sogenannten Marktplatz erleben.

Er selbst ist nicht unbedingt ein Senkrechtstarter. In der Galerie Loock, die ihn betreut, waren seine Werke ein paarmal zu sehen, 2005 präsentierte er Arbeiten in der Berlinischen Galerie, 2009 widmete ihm das Zürcher Haus Konstruktiv eine Ausstellung. Seine erste große Schau in Deutschland ist nun diese hier im Haus am Waldsee. Direktorin Katja Blomberg widmet sie den Opfern der Katastrophe in Japan vor einem Jahr. Eine stille Schau. Man hört kaum mehr als das Singen von Weingläsern – hervorgelockt durch das Reiben eines Fingers am Glasrand. Auf Videomonitoren im Entree sieht man diese Art der Klangerzeugung gleich mehrfach und meint, einem Requiem zu lauschen. Die stilisierten Wellenberge im Obergeschoss wirken umso unheimlicher, wenn man erfährt, dass Koganezawa die kleinen Formate unmittelbar vor dem Tsunami gezeichnet hat.

Er wuchs in Tama auf, einer Gemeinde, die zur japanischen Hauptstadt gehört. „Das Lichterfelde von Tokio“, scherzt er. Der Sohn eines Fußball-Coachs schwärmte für Littbarski und Kahn, wollte selber Fußballprofi werden, bevor die Kunst ihn packte. An der Tokioter Musashino Art University genoss er eine breite, neben klassischen Techniken auch Medienkunst umfassende Ausbildung.

Koganezawa stellt auch am Waldsee sein Talent unter Beweis, aus schlichten Alltagsbeobachtungen raffinierte Videowerke zu generieren. Die Idee für den performativen Film „Paint it Black, and Erase“ kam ihm bei der Handwäsche von Kleidung. Die informelle Fingermalerei auf Glasplatte wirkt wie ein animiertes Gemälde von Karl Otto Götz. Statt Ölfarbe nahm Koganezawa Rasierschaum, blendete die Action-Painting-Sequenzen in der Videobearbeitung ineinander – und erzeugte so einen für seine Verhältnisse ungewöhnlich aggressiven Rhythmus. Bilder auf Leinwand zu malen, käme ihm nie in den Sinn, sagt er. Lieber spielt er mit den Kondensstreifen von Flugzeugen. Das Video „Jet in a Rectangle“ erinnert mit seinen an den Bildkanten abprallenden, dann die Richtung wechselnden Jets an Ataris „Pong“, den Urvater aller Videospiele. Die Linie findet kein Ende – und umspannt die ganze Welt. Jens Hinrichsen

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30 (Zehlendorf), bis 20.5., Di–So 11–18 Uhr. Katalog 16,80 €.

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