Kultur : Zwischenstopp in der Schwerelosigkeit

NILS MICHAELIS

Es gibt nur noch wenige Orte, die man auch mit dem größten Reisebudget nicht aufsuchen kann. Einer davon ist der Weltraum. So verwundert es nicht, daß selbsternannte Raumfahrer es in der Popwelt weit gebracht haben. Zum Beispiel der außerirdische Herkunft beanspruchende Big-Band-Leader Sun Ra oder der von keiner irdischen Mutter geborene Großkünstler Captain Beefheart. Und zu guter Letzt stehen da natürlich noch Audio Active: ein paar der Normalität entrückte Japaner, die sich auf dem Weg zu den Wurzeln des jamaikanischen Dub-Reggae einen Zwischenstopp in der Schwerelosigkeit gegönnt haben. Das hinterläßt Spuren.

Am Anfang der Bandgeschichte stand die Begeisterung für die klassische Phase des 70er-Jahre-Dubreggae des gerade einmal 16jährigen Sängers Masa. Wer in Japan für Dubhelden wie Lee Perry oder King Tubby schwärmt, braucht nicht mehr viel zu tun, um sich wie ein Außerirdischer zu fühlen. So kam es, daß Masa die Musik der mit Gleichgesinnten gegründeten Band Audio Active nach Übersee verschickte. Das britische Label On-U-Sound nahm die Asiaten umgehend unter Vertrag. Schon der Titel des 1994 veröffentlichten Albums "Tokyo Space Cowboys" stellte klar, daß hier Klänge aus einer anderen Hemisphäre herüberwehen. Wenn die Echokammer zu den wichtigsten Effektgeräten des Dub gehört, dann war Audio Actives Musik ein Echo höherer Ordnung: der Widerhall einer asiatischen Begeisterung für die als exotisch wahrgenommene Musik der karibischen Insel. In europäischen Ohren wurde dies zum Ende einer Reise, die in Jamaika begann, von Japan reflektiert wurde und in der alten Welt Verwirrung stiftete.

Während Audio Actives Cover von Album zu Album immer tiefer in die Ikonographie der japanischen Comicwelt eintauchten, wirkte die Musik zunehmend wie ein absurd verdrehter Soundtrack zum maschinellen Takt einer ebenso führenden wie unverstandenen Industrienation. Wenn sich unterdes Audio Active mit dampfenden und überdimensionierten Joints fotografieren ließen, schienen sich die Elementarteilchen des Reggae im audioaktiven Teilchenbeschleuniger längst in einer großen, weißen Wolke aufgelöst zu haben: eine der ganz großen Livebands!

Audio Active, heute im Pfefferberg, 22 Uhr

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